Sonderwünsche und verworfene Ideen zum Neubau des Wildunger Kurhauses vor rund 30 Jahren

Aus der Freitreppe zum Kurpark wurde nichts

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Bad Wildungen - Plötzliche Sonderwünsche des Bauherren - des Landes Hessen - und verworfene Ideen der Planer werfen ein bezeichnendes Licht auf die Atmosphäre, in der das „Neue Kurhaus“ vor 30 Jahren entstand. Gustl Weinrich, im Staatsbad damals Objektleiter des Großprojekts, hat alles hautnah miterlebt.

Im westlichen Teil des Kurhauses, in dem Webers Kindergarten vorübergehend untergebracht ist, befanden sich früher die Lesesäle. Erbaut wurden sie zu Beginn der Wirtschaftswunderzeit. Weinrich hätte die stark sanierungsbedürftigen Säle gerne abgerissen, doch wegen ihrer Beliebtheit bei den Kurgästen waren sie aus Sicht der Kurverwaltung unverzichtbar.

Also wurde die alte Bausubstanz mit dem neuen Kurhaus verbunden. Dies entstand in Modulbauweise, „so dass es sich jederzeit in Teilen abreißen lässt“, ergänzt der Architekt und Ingenieur im Ruhestand mit Blick auf die aktuelle Diskussion. Theoretisch könne die Stadt sogar allein die Veranstaltungssäle stehen lassen.

Leerschacht für großen Aufzug angelegt

Diese sind geradezu luxuriös ausgestattet mit dem versenkbaren Orchestergraben, der 4,5 Tonnen Last tragen kann. Zur Sicherheit ließ das Land an der rückwärtigen Seite zusätzlich einen Leerschacht einrichten, zu dem eine Doppelflügeltür führt. „Dort hätte ein Aufzug mit weit größerer Tragkraft eingebaut werden können, mit direktem Zugang zur Bühne“, sagt Weinrich. Daraus wurde nichts.

Auf Drängen des damaligen Kurdirektors installierte das Staatsbauamt aber Toiletten an der Rückseite des Kurhauses, wo auch ein kleiner Park zu finden ist. Das war der Geschichte Bad Wildungens als Nieren- und Blasenheilbad geschuldet. „Ich glaube, die Toiletten waren immer verschlossen und wurden niemals benutzt. So musste die Kurverwaltung kein Geld für die Reinigung ausgeben“, erzählt Gustl Weinrich.

Den kleinen Park mit Pergola und einem trocken gefallenen Wasserspiel kennen heute nur Eingeweihte. Er liegt verlassen und zugewachsen da.

Eine attraktive Idee der Planer wurde nie verwirklicht, doch ihre Spuren sind deutlich zu erkennen: direkt vor dem Haupteingang. Vor ihm auf der Langemarckstraße befindet sich eine Verkehrsinsel und Richtung Kurpark eine ungewöhnlich große, gepflasterte Fläche, an der heute eine Tafel über Europas größten Kurpark informiert. „Dort sollte einmal eine großzügige Freitreppe die Gäste durch den Kurpark hinunter über eine Promenade bis zum Badehotel führen“, verrät Gustl Weinrich. Doch weil das nicht von vornherein Bestandteil des Projektes war, verwarf man die Idee aus Kostengründen.

Aus Rücksicht auf die Wandelhalle keine kleinen Läden im Kurhaus erlaubt

In einer anderen Frage trat das Land selbst auf die Bremse. „Wir hätten gerne, wie es heute vorgeschlagen wird, von Beginn an eine Spielbank im Rondell des Kurhauses gehabt, doch das Land wollte seine Spielbank in Kassel vor Konkurrenz schützen“, verrät Gustl Weinrich. Erst später eröffneten die Kasseler eine Dependance im Wildunger Quellenhof.

Konkurrenzschutz war ebenfalls der Grund dafür, dass im Kurhaus keine kleinen Läden untergebracht wurden, wie ursprünglich vorgesehen. „Das Staatsbad wollte nicht, dass die damals bestehenden Läden in der Wandelhalle leiden“, weiß der Pensionär.

Autos sollten bis ins marmorne Foyer fahren

Stattdessen durften Autos bis ins Kurhaus fahren. „Wir hatten die Eingangstüren schon fertig, da äußerte die Kurverwaltung den Wunsch, Autos ins Foyer bringen zu können“, schildert Gustl Weinrich. Es galt damals auf vielen großen Veranstaltungen als schick, begleitend Sportwagen oder Luxuskarossen als Blickfang aufzustellen. So ließ Weinrich die Türen nachrüsten. Der gesamte Rahmen lässt sich nach dem Lösen einiger Schrauben herausnehmen, um die Durchfahrt ins marmorne Foyer zu ermöglichen.

Ähnlich spontan fiel die Entscheidung für das Gründach. Ursprünglich hatte das Land aus Kostengründen dagegen votiert, doch im Zuge der beginnenden Umweltbewegung wurden diese Dächer modern. Die Landesregierung schwenkte um, obwohl alles für ein Kiesdach vorbeitet war. So erhielt das Gebäude ein doppeltes Dach. „Diese Konstruktion würde noch 50 Jahre dichthalten - wenn man von Beginn an darauf geachtet hätte, regelmäßig die Abläufe und Gullis frei zu halten“, unterstreicht Weinrich und schneidet damit das viel debattierte Thema der Gebäudeunterhaltung an (siehe „Hintergrund“).

Hintergrund:

Sonderwünsche und verworfene Ideen zum Neubau des Wildunger Kurhauses vor rund 30 Jahren

Spielten die Unterhaltungskosten des Neuen Kurhauses eine Rolle, als das Staatsbad und die Landesregierung das Großprojekt in Auftrag gaben? Wurde berechnet und waren sich die Verantwortlichen im Klaren darüber, welche Summen sie pro Jahr dafür kalkulieren müssen? Gustl Weinrich kann das nur für die Verbrauchskosten sagen: „Die haben wir berechnet.“ Für Personal- und andere Unterhaltskosten war das Staatsbauamt nicht zuständig. Dieser Teil des Unterhalts fiel in den Aufgabenbereich der Kurverwaltung. „Aber weil sich mein Büro direkt gegenüber befand, hatte ich bis zu meiner Pensionierung immer ein Auge auf das Kurhaus“, berichtet er. Ein solches Gebäude „darf man nicht treiben lassen.“ Es brauche jemanden, der die Verantwortung für so ein Kleinod trage und selbstständig zugreifen könne auf Hausmeister und Handwerker, um die nötigen Arbeiten zu veranlassen. Vielleicht sei die Kurverwaltung damit mangels Kapazitäten überfordert gewesen, meint Weinrich. Jedenfalls haperte es aus seiner Sicht vom Start weg an der nötigen Sorgfalt. Viele Detailbeispiele lassen das erahnen. Pflanztröge in den Wandelgängen wurden begossen und manches Mal tropfte Wasser auf den Teppich daneben. Putzfrauen überraschte Weinrich eines Tages, als sie mit Ako-Pads die vergoldeten Speier des bekannten Brunnens vom Kalk zu befreien versuchten. „Die Auflage war ruiniert, ich habe nachträglich am unteren Ende neues Blattgold auflegen lassen. Das sieht man bis heute“, erzählt er. Dreimal sei die Theke durch neue Gastronomen in Abstimmung mit der Kurverwaltung umgebaut worden. „Einmal kam ich dazu, als der neue Pächter anfangen wollte, seine Barhocker im Fußboden zu verdübeln“, erinnert sich Gustl Weinrich. Ob sie denn wüssten, dass sie gerade dabei seien, eine Fußbodenheizung zu zerstören, fragte er die Leute und stoppte damit ihr Tun gerade noch rechtzeitig. Auf seine Veranlassung hin befuhr ein Rohrreinigungs-Unternehmen, wie gesetzlich vorgeschrieben, nach einigen Jahren mit einer Fräse das Abflusssystem des Küchentrakts. Die Handwerker fischten ganze Bestecke aus der Tiefe. Überhaupt diese Großküche, die nach Anforderung der Kurverwaltung errichtet wurde. Ihre Ausmaße beeindrucken selbst heute, wo wenige Gerätschaften in den Räumen zurückgeblieben sind. Dimensionen wie in einer großen Klinik, ausgerichtet dafür, mehrere Hundert Menschen zu bekochen. Daran scheiterten die Pächter ein ums andere Mal. Zu selten fanden Großereignisse im Kurhaus statt, die so einen Aufwand verlangten. Vorgehalten und bezahlt werden musste die Einrichtung aber Tag für Tag. Gustl Weinrich hat das Vorgehen der Kurverwaltung nie verstanden. „Weshalb holte sie Wanderbühnen und andere Veranstalter von außen, die schließlich mitverdienen wollen?“, fragt er sich. Mehr eigene Ereignisse mit Akteuren aus der Region hätte sich dieser aufmerksame Beobachter des Geschehens gewünscht, um mehr Leben in das Gebäude zu bringen. Dann wäre es mit weniger Verlusten zu betreiben gewesen, ist er sicher. Die Verantwortlichen sparten lieber am Unterhalt, manchmal sogar am Notwendigsten, meint Gustl Weinrich. „Ich musste zum Beispiel darauf drängen, dass die elektrischen Rauchabzüge in den Glasdächern der Wandelgänge testweise geöffnet und geölt wurden“, erinnert er sich. In den letzten zwei Jahren vor der Übernahme des Staatsbades durch die Stadt traten die Verantwortlichen des Landes vollends auf die Bremse. „Immer, wenn ich vorschlug, etwas zu renovieren, bekam ich zur Antwort: Nein, das gehört sowieso bald der Stadt“, berichtet Gustl Weinrich. Bürgermeister Reinhard Grieneisen als neuer Chef des kommunalisierten Staatsbades ließ bekanntlich die Wartungsverträge für das Kurhaus aus Kostengründen kündigen, wie sein Nachfolger Volker Zimmermann betont. Die Privatisierung des ehemaligen Renommier-Objektes war das mehrfach öffentlich ausgegebene Ziel, der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit lag auf der Planung der Landesgartenschau und in diesem Zusammenhang der Wiederauferstehung der verfallenden Wildunger Wandelhalle. 20 Millionen Euro kostete dieses Projekt. „In seiner Substanz ist das Kurhaus aber bis heute gesund“, sagt Gustl Weinrich überzeugt. Das Sanieren des Parketts, das Herrichten des Daches oder das Verlegen neuen Teppichs seien gut zu kalkulierende Kosten. „Das Risiko liegt in der Technik, von der man nicht weiß, an welchen Stellen sie wie sehr angegriffen ist“, fügt er hinzu. Aus seiner Sicht geht es beim völligen oder teilweisen Erhalt des wertvollen Gebäudes trotzdem allein um den politischen Willen. Seit seiner Pensionierung 2003 hat sich übrigens nie wieder ein Verantwortlicher an Weinrich gewandt, um sein profundes Wissen über das Kurhaus anzuzapfen. „Ich habe es seitdem nicht mehr von innen gesehen.“

Von Matthias Schuldt

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