Anekdoten aus dem Stadtarchiv

Das Gedächtnis einer ganzen Stadt

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Bad Wildungen - Der griechische Sagenheld ist dazu verdammt, einen Felsbrocken stets aufs Neue den Berg hinaufzurollen, weil der Stein ihm immer kurz vor dem Gipfel entgleitet, um zu Tale zu rasen. Ist dieser Sisyphos ein unglücklicher Mensch – oder ein glücklicher?

Manfred Hülsebruch lacht, als er die Frage beantwortet: „Auf jeden Fall wird ihm nicht langweilig.“ Der Leiter des Wildunger Stadtarchivs kann sich ein wenig in die Lage des antiken Schwermalochers hineinversetzen. „Die Arbeit hört nie auf“, sagt Hülsebruch.

In seinem Fall die Aufgabe, das Leben einer Stadt, wie es sich in Urkunden, Akten, Büchern – in Dokumenten aller Art – niederschlägt, zu sammeln, zu ordnen und nutzbar zu machen über Karteien und „Repertorien“. So nennen sich Archivverzeichnisse. Seit 1970 verantwortlich für das Stadtarchiv Seit 1970 hat sich Hülsebruch dieser Aufgabe verschrieben;ehrenamtlich.

Früher parallel zu seiner Arbeit in der Stadtverwaltung, inzwischen als Pensionär. Unterstützt wird er seit Jahren von Pfarrer i.R. Klaus Mombrei. Sich mit historischen Quellen zu befassen, zum Beispiel ein in Latein verfasstes, von Hand geschriebenes Kirchenbrevier von 1496 zu übersetzen, in dem es um die Auslegung von Bibeltexten geht, „das ist doch viel schöner als Kreuzworträtsel zu lösen“, meint Mombrei im Brustton der Überzeugung. Sisyphos lässt grüßen in einem Stadtarchiv, weil die Verwaltung, die städtischen Betriebe, die Bürger in ihrem Kontakt zu den Behörden, täglich neue Akten produzieren, die irgendwann Eingang finden sollen in das papierene, heute manchmal auch digitalisierte Gedächtnis des Gemeinwesens. Mitte des 19. Jahrhunderts begannen Wildunger, dieses Gedächtnis anzulegen. Grundlagen waren beispielsweise städtische Urkunden vom „Pfennigmeister“, der Stadtkasse. Von 1388 an ist die Wildunger Finanzlage in ihnen dokumentiert.

Ein Marburger Wissenschaftler hat 1980 das erste Inhaltsverzeichnis für das Stadtarchiv fertig gestellt. Binnen fünf, sechs Jahren sollte der nächste Band vorliegen, doch daraus wurde nichts. 6500 Dokumente sind Grundlage dieses ersten Repertoriums. Manfred Hülsebruch hat seitdem Tausende weiterer Akten für die Archivierung aufbereitet und im Computer erfasst. 18?000 sind es insgesamt. Karteikarten müssen erstellt, Heftklammern und andere eisenhaltige Bestandteile entfernt werden, damit der Rost das Papier nicht schädigt.

20 Akten pro Stunde „Wenn es gut läuft, schaffe ich 20 Akten in einer Stunde“, erzählt der Leiter des Stadtarchivs. Es lässt sich erahnen, wie viele Stunden seiner freien Zeit Hülsebruch seit 1970 investiert hat, und neben Sisyphos kommt einem angesichts solcher Zahlen unweigerlich ein weiterer Herr namens Herkules in den Sinn. Wie im Gedächtnis jedes Menschen klaffen im Schriftgedächtnis der Stadt große Lücken. Trotz des Ausmaßes der Arbeit, die Hülsebruch in den vergangenen Jahrzehnten zumeist allein bewältigte, bedauert er offenbar jede einzelne dieser Lücken. „Es fehlt bei vielen das Bewusstsein für den Umgang mit der Geschichte“, hat er festgestellt. Was wir heute tun und aufschreiben, kann für die Historiker künftiger Generationen zur wichtigen Quelle werden, doch sehr viel landet auf dem Müll. Staatsbad-Dokumente nahezu komplett vernichtet

„Das Archiv des alten Stadtkrankenhauses oder die gesammelten Akten des Hessischen Staatsbades: Alles wurde weggeworfen im Zuge der jeweiligen Übernahmen“, berichtet Hülsebruch. Hinzu kommt die Sorge um viele alte Bestände, an denen Schimmel, Säurefraß und andere Spielarten des Zahns der Zeit nagen. Restaurierungen kosten viel Geld. Die Wildunger Reimchronik des Veit Weinberg etwa schlug vor einigen Jahren mit 1000 Euro zu Buche. „Im Moment stehen für solche Zwecke 4000 Euro im Haushalt der Stadt. Das müssen wir sicher aufstocken“, meint Bürgermeister Volker Zimmermann. Wenn es denn in den Fachwerkstätten freie Kapazitäten gibt. Die sind knapp geworden nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs und dessen Folgen...

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