Falkner Ludger Kluthausen unterstützte mit seinem Schützling internationales Kunstprojekt

Geier als Filmstar der Documenta

Edertal-Hemfurth/Kassel - Ein Geier der Falknerei Kluthausen, zu Hause im Wildtierpark Edersee, wurde überraschend Filmstar bei der Kasseler Kunstausstellung „Documenta“.

Julia Stoff, Kuratorische Assistentin der Kasseler Kunstausstellung Documenta, hat einen gefiederten Filmstar engagiert. Falkner Ludger Kluthausen von der Greifenwarte Edersee wurde gebeten, einen Geier für einen Film der Künstler Jennifer Allora und Guillermo Calzidilla zur Verfügung zu stellen. Hintergrund: Im Werk des Künstlerpaars spielen Klänge eine zentrale Rolle. Bei ihrem Projekt für die Documenta geht es um Flötentöne aus der Steinzeit – auf einem Instrument aus Geierknochen. Jennifer Allora (geb. 1974 in Philadelphia) und Guillermo Calzidilla (geb. 1971 auf Kuba) arbeiten seit 1995 in San Juan, Puerto Rico, als bildende Künstler zusammen. Ihre Werke sind in führenden Kunstmuseen der Welt vertreten, so im Museum of Modern Art in New York, der Tate
Modern in London und dem Centre de Pompidou in Paris. „Flötentöne der Steinzeit“ Ein Stipendium ermöglichte ihnen einen zweijährigen Aufenthalt in Berlin. Überraschend vertraten sie die USA 2011 auf der Biennale in Venedig, denn ihre Werke hatten oft provokanten Charakter. Ihr Schaffen ist multimedial; sie binden Skulpturen, Fotografien, Videos, Klang und Performance zu Installationen zusammen. Der Geschichte der Musikinstrumente gilt ihr besonderes Interesse. So sind sie wohl auf Knochenflöten aus prähistorischer Zeit gestoßen. „Flötentöne der Steinzeit“ – unter dieser Schlagzeile berichtete Michael Zick 2009 im Berliner „Tagesspiegel“ von einer sensationellen Entdeckung in einer altsteinzeitlichen Wohnhöhle in der Nähe von Schelkingen auf der Schwäbischen Alb. Nicolas Conard, Professor für Urgeschichte in Tübingen, präsentierte eine Flöte, die aus Geierknochen gefertigt worden ist. Menschen der Steinzeit haben schon vor rund 35 000 Jahren Musik gemacht. Im Schutt der Karsthöhle „Hohle Fels“ fanden sich nur Knochenbruchstücke. In mühevoller Arbeit gelang es, aus elf „Puzzleteilen“, die der Flügel-Speiche eines Gänsegeiers entstammen, ein Instrument von 22 Zentimetern Länge mit fünf Grifflöchern zusammenzusetzen. Das Alter der altsteinzeitlichen Flöte wurde mithilfe der Radiokarbondatierung ermittelt. Niemand weiß, ob sie kultischen Zwecken diente oder als Signalpfeife für Steinzeit-Jäger. Michael Zick berichtet: „Der Tübinger Forscher ist sich sicher, dass Musik beim modernen Menschen innovatives Verhalten und stärkere soziale Bindungen zumindest gefördert hat, was ihm einen Vorsprung gegenüber dem benachbarten Neandertaler einbrachte.“ Ein spannendes Thema und Motivation für Allora und Calzidilla für eine künstlerische Verarbeitung. Zur Veranschaulichung in dem geplanten Film musste ein lebender Geier her. Falkner Ludger Kluthausen verfügt über langjährige Erfahrungen in der Haltung verschiedener Geier-Arten und ist mit ihrem Verhalten bestens vertraut. Gemeinsam mit seinem Kollegen Theo Koch präsentiert er die stattlichen Vögel auf seiner Flugschau. Sogar Zuchterfolge kann er vorweisen. Aber würde ein Geier in einem Filmstudio mitspielen? Da hatte Kluthausen dann doch Bedenken. Deshalb schlug er vor, den Film im Wildtierpark Edersee, also in vertrauter Umgebung des Vogels, zu drehen. Aber das war nicht machbar – wegen der aufwendigen Technik. In Scheune auf Baumstamm trainiert Unter Vorbehalt sagte er zu. Doch dann machte er sich an die Arbeit, den Vogel zu trainieren. Geübt wurde in einer Scheune, um die fremde Umgebung in einem geschlossenen Raum zu testen. Auf einem Baumstamm erhielt der Geier Futter, damit dieser lernte, den Baumstamm als Nahrungsquelle zu betrachten. Ludger Kluthausen berichtet: „Der Künstler Guillermo Calzidilla hat mich auch in der Greifenwarte am Edersee besucht. Schließlich wollte er den Geier kennenlernen, der als Star in seinem Film mitwirken sollte.“ Dann waren in einem Kasseler Filmstudio zwei Drehtage angesetzt. Der Geier wurde zunächst allein auf einen Block gesetzt, damit er sich an die neue Situation gewöhnen konnte. Schon bald beobachtete Kluthausen ein charakteristisches Verhalten: So wie in seiner südlichen Heimat morgens nach einer kühlen Nacht zur Sonne hin gewandt, breitete der Geier seine Flügel aus, um das Gefieder zu lüften und die Federn zu trocknen. Gefiederpflege deutet auf eine entspannte Situation. Der Vogel fühlte sich offensichtlich wohl – trotz fünf Kameras und einem Berliner Filmteam mit Kameramann, Ton- und Kameraassistenten. Kluthausen: „Als ich sah, dass alles so gut klappt, war ich erleichtert.“ Ein Star, der so gut mitspielt, da ist es an der Zeit, nach seinem Namen zu fragen. Doch der etwa 30 Jahre alte Geier hatte gar keinen Namen, weil er nicht im Flugprogramm der Greifenwarte Edersee vertreten ist. So wurde er im Studio getauft auf den Namen „Documento“. Die Dreharbeiten bescherten Falkner Kluthausen vielfältige Einblicke. Da war zunächst die Begegnung mit Bernadette Käfer aus Wien. An der dortigen Universität für Musik und Darstellende Kunst hat sie ihre Magisterarbeit über steinzeitliche Knochenflöten geschrieben. Der Bodenfund einer steinzeitlichen Flöte auf der Schwäbischen Alb war nicht der erste seiner Art. So wurde 1994 bei Kammern in Niederösterreich ein Flötenfragment aus dem Schienbeinknochen eines Rentiers entdeckt. Durch ihre Arbeit kam Käfer in Kontakt zur experimentellen Archäologie. Mit dem Nachbau einer Flöte aus dem Schienbein eines jungen Hirsches gelang es, die These von der Verwendung des gelochten Rentierschienbeins als Musikinstrument zu stützen. „Knochenklang“ und Archäotechnik Auf einer CD hatte Käfer ihrer wissenschaftlichen Arbeit selbst komponierte Klangbeispiele beigefügt. Unter dem Titel „Knochenklang – Klänge aus der Steinzeit “ hat der Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften dazu ein Album mit Begleitheft herausgebracht (ISBN 973-3-7001-2961-5). Die fantasievollen Flötenstücke werden, untermalt von Perkussionsinstrumenten, präsentiert. Im Studio war auch Wulf Hein aus Dorn-Assenheim in der hessischen Wetterau. Sein Spezialgebiet ist die Archäotechnik. Diese versucht, die handwerklichen Fähigkeiten unserer Vorfahren durch wissenschaftliche Experimente zu ergründen. Er hat die Geierflöte von der Schwäbischen Alb nachgebaut. Niemand weiß, wie sie gespielt wurde und wie sie klang. Hein experimentiert mit einem Wachspfropfen, der das Anblasloch enthält, und als Block in das obere Ende des Knochens eingefügt wurde. Andere Knochenflöten werden wie eine Querflöte seitlich angeblasen. Der Falkner urteilt: „Für mich klang die Querflöte am melodischsten.“ Der Film auf der Documenta ist in einem Kuppelraum des Bunkers im Weinberg (oberer Eingang) zu sehen. Eintrittskarten sind vorher an einem Kassengebäude zu erwerben. Das Tunnellabyrinth im Weinberg entstand im 19. Jahrhundert zur Lagerung von Eis und Bier. Im Zweiten Weltkrieg war es Luftschutzkeller. Dass dieser Ort für das älteste je gefundene Musikinstrument – entdeckt in einer steinzeitlichen Wohnhöhle – mit Bedacht gewählt wurde, verdeutlicht das Begleitbuch zur Documenta: „Die prähistorischen Klänge, die der Film zu neuem Leben erweckt, hallen in den unterirdischen, von Menschen gemachten Höhlen wider.“ Wir lassen die 24-minütige Video-Projektion auf uns wirken. Der Film hat weder einen Vorspann noch Abspann, aber eindrucksvolle Sequenzen von dem Geier aus dem Wildtierpark Edersee. Kontrastierend zu diesem „evolutionären Nachfahren eines der ältesten Geschöpfe auf der Erde“ experimentiert die Wiener Flötistin Bernadette Käfer mit dem rekonstruierten Instrument aus der Frühzeit der Menschheitsgeschichte und entlockt der Knochenflöte ganz unterschiedliche Töne. Ehe wir wieder hinaus an das Tageslicht treten, lesen wir, wie die beiden Künstler ihren Film sehen. Er „stellt einen Moment dar, in dem wir gemeinsam mit diesem aasfressenden Vogel die musikalischen Überreste prähistorischer menschlicher Kultur erleben, während die akustische Spur, die von der Flöte ausgeht, sich als eine Zeitkapsel aus Klang zu erkennen gibt, die uns aus dem geschichtlichen Moment erreicht, da die Musik und die Menschheit geboren wurden.“

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