Conchi Munoz und Gary Jahn trainieren Patagonische Seelöwen im Zirkus Herkules

Ich glaub’, mich knutscht ein?...

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Redakteurin Conny Höhne beim Bad im Zirkus-Pool mit drei stürmischen Liebhabern mit über 700 Kilo Lebendgewicht. Die Patagonischen Seelöwen sind die Stars im Zirkus Herkules.

Bad Wildungen - Beim Interview an einem heißen Spätsommertag eine spontane Einladung in den Zirkus-Pool am Schützenplatz - nichts kann erfrischender sein als ein Bad bei gefühlten 5 Grad Celsius und drei halbstarken Seelöwen, die ungeniert auf Tuchfühlung gehen.

„Seelöwen sind Raubtiere“, warnt Conchy Munoz, Tiertrainerin im Großzirkus Herkules, und gibt vor dem Sprung ins Planschbecken ein paar Überlebens-Tipps. „Langsam annähern, bloß nicht erschrecken.“ Allein dazu fehlt die Luft. Das Eiswasser aus dem Hochbehälter, frisch aufgefüllt mit Feuerwehrschläuchen, nimmt einem glatt den Atem. Kann im rauen Patagonien, der ursprünglichen Heimat der drei Zirkusstars, nicht kälter sein.

Das Löwen-Trio ist davon unbeeindruckt, zieht spielerisch seine Bahnen. Kein Wunder, bei dem Speck. „Seelöwen können 800 Kilo bis hin zu einer Tonne wiegen“, sagt Conchy Munoz. Ihre „Babys“, wie sie die drei drolligen Schützlinge nennt, sind gegen solche Schwergewichte geradezu grazil.

Casanova mit Kulleraugen

Andrew, mit elf Jahren der Älteste, bringt 300 Kilo auf die Waage. „Er fängt an, erwachsen zu werden,“ sagt die Portugiesin. Aber auch der sieben Jahre alte Siggi und sein jüngerer Bruder Nelson haben einen gesegneten Appetit, der zunehmende Leibesfülle garantiert.Heringe und Sprotten zählen zu ihren Lieblingsspeisen – 20 Kilogramm am Tag verdrücken die Mähnenrobben.

Einen Eimer voller Leckerbissen aus dem Tiefkühlfroster verteilt die Tiertrainerin an die eleganten Schwimmer im Pool. Siggi, der Charmeur, geht ungeniert auf Tuchfühlung mit dem unbekannten Badegast von der Waldeckischen Landeszeitung. Der 180-Kilo-Löwe stellt sich mit seinen Flossen auf meine Füße und weicht nicht mehr von der Stelle – plumper kann ein Annäherungsversuch nicht sein.

„Seelöwen küssen gern“, schmunzelt Conchy Munoz. Zirkusdirektor Oliver Häberle weiß, wie sich das anfühlt: „Etwa so, wie wenn man einen Schrubber knutscht.“ Kaum ausgesprochen, ist es auch schon passiert: Siggi, mein Eroberer, drückt mir seine Seelöwen-Schnauze mitten ins Gesicht. Der Casanova mit den Kulleraugen hat seine Sache gut gemacht, findet Munoz. Und die Robbe schmatzt weiter, was das Zeug hält. Nach jedem Häppchen Fisch holt die Stupsnase zielsicher zum Knutscher aus. Die Ausdauer des Liebhabers mit dem drahtigen Schnurrbart und das intensive Fisch-Aroma aus seinem Maul lassen alle Sinne schwinden.Groß ist der Spott der Schaulustigen am Beckenrand, als Brüderchen Nelson sich dazugesellt und weitere Seelöwen-Küsschen verteilt. Feuchte Robben-Stupser im Duett – da schwingt sich der massige Andrew triumphierend aus dem Wasser und klatscht mit den Flossen lautstark Applaus.

Trocken wie ein Plüschtier

Den Namensvetter des englischen Prinzen reizen Badegäste nicht, der pubertierende Löwen-Mann ist voll und ganz auf Fisch fixiert. Dabei ist der Bulle kein Kostverächter: Er verschlingt alles, was er kriegen kann. Siggi ist wählerisch. „Er nimmt weder Kopf noch Schwanz, er frisst nur das Mittelstück“, weiß Munoz über die Vorlieben ihrer Lieblinge. In der Manege apportieren die lustigen Gesellen und singen fürs Publikum. Kostproben seiner markanten Männerstimme gibt Andrew im Pool. Der Seelöwen-Bariton aus seinem aufgerissenen Rachen klingt wie ein befreiender Rülpser nach einem leckeren Fischmenue.

Kräftig schüttelt sich der Prinz, und an seinem Hals wird deutlich, warum er ein Löwe ist – die Mähne ist zu sehen. „Getrocknet sieht er aus wie ein Plüschtier“, lacht die Tiertrainerin.Jeder Badespaß ist mal zu Ende – tschüs, mein treuer Siggi. Von wegen treu, kaum den Rücken zugedreht, da bahnt sich eine neue Liebelei im Wasser an. Siggi hat seine alte Liebe wieder entdeckt: Ein köstlicher Fischbrocken landet in seinem Feinschmeckermaul, und ein liebevoller Löwenschmatzer trifft die Tiertrainerin.(höh)

„Was sie einmal gelernt haben, vergessen sie nie“

Löwen waren bereits häufiger tierische Stars in den Vorstellungen des Großzirkus Herkules. Beim Gastspiel auf dem Wildunger Schützenplatz brüllen diesmal ganz andere Löwen: Conchy Munoz und Gary Jahn zeigen Tierdressuren mit den Patagonischen Seelöwen Andrew, Siggi und Nelson.

Conchy Munoz ist in siebter Generation beim Zirkus. Ihr Vater war ein weltberühmter Clown, der Menschen rund um den Globus zum Lachen brachte. Ihrem Ehemann Gary Jahn liegt die Arbeit mit Tieren im Blut. Sein Vater arbeitete beim Zirkus Krone mit Elefanten, und Gary wuchs mit den Zirkustieren auf. Löwen, Zebras und Elefanten trainierte er bereits.

„Wir haben schon mit vielen Raubtieren gearbeitet, aber Seelöwen sind etwas ganz Besonderes“, schwärmt Conchy Munoz über die liebenswerten Schwergewichte. „Sie sind gelehrig wie Hunde. Was sie einmal gelernt haben, vergessen sie nie.“Aber die Mähnenrobben können auch anders. „Sie sind manchmal sehr dickköpfig.“ Das spürte die 46 Jahre alte Portugiesin bei einem Auftritt in Frankreich ganz besonders. „Die Seelöwen kamen in die Manege und klatschten noch Applaus – und danach tat sich eine Viertelstunde gar nichts.“ Da halfen weder gutes Zureden noch köstliche Fisch-Häppchen.

„Es lag wohl an der Brunstzeit“, glaubt Munoz. Sie liebt die Arbeit mit ihren „Babys“ und das Leben im Wohnwagen und freut sich, wenn es wieder heißt „Manege frei“. Neben Tierdressuren mit Seelöwen und Pferden wird bei den Vorstellungen im Großzirkus Herkules jede Menge rasanter Artistik unter der Zirkuskuppel geboten. Zu den Stars in der Manege zählen Weltmeister der Sportgymnastik und Mitglieder aus dem Ukrainischen Staatszirkus.(höh)

Der Zirkus Herkules gibt vom 12. bis 16. September ein Gastspiel auf dem Bad Wildunger Schützenplatz. Vorstellungen beginnen täglich um 16 und 19.30 Uhr, sonntags um 11 und 15 Uhr.

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