Altes Wildunger Klärwerk wandelt sich zu Modell-Biogas-Anlage

Wo Gülle schönen Bonus bringt - noch

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Holzbriketts, Hackschnitzel oder Pellets werden mithilfe der in der Biogas-Anlage erzeugten Strom- und Wärmeenergie gefertigt. Norbert Dietz erläuterte die Anlage anhand von Schautafeln. Am Ende besichtigten die Gäste den Gärbehälter in natura.

Bad Wildungen - Wo früher die Hinterlassenschaften von 18 000 Wildungern und Tausenden von Kur- und Urlaubsgästen der Stadt aus dem Abwasser gefiltert wurden, erzeugt Energietechnik heute aus Gülle und nachwachsenden Rohstoffen Strom, der dem Jahresbedarf (je nach Verbrauch) von 400 bis 600 Familien entspricht.

Außerdem produziert die Technik 2000 Megawattstunden Wärme, die dazu dienen, nachwachsende Rohstoffe für Holzheizungen zu trocknen: Das jährlich auf diese Weise hervorgebrachte, lagerfähige Brennmaterial stellt Wärme von 12 000 bis 16 000 Megawattstunden bereit, was den Jahreswärmebedarf von 4000 bis 5500 Haushalten abdeckt.

„Die ehemalige Wildunger Kläranlage ist zu einem Modellprojekt in Hessen für erneuerbare Energien geworden“, bilanzierte Kreislandwirt Fritz Schäfer an der Biogas-Anlage der Firma „Dietz Automation“. Ihr besonderer Clou, laut Geschäftsführer Norbert Dietz einmalig in Hessen: „100 Prozent der Restwärme aus der Anlage werden in der Produktion genutzt.“

Man arbeite in einem weitgehend geschlossenem System (siehe Hintergrund). Altmaiers Streichpläne bereiten Kopfzerbrechen Vorbild hin oder her, bereiten auch Norbert Dietz die Pläne des Bundesumweltministers zu Änderungen am Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) Kopfzerbrechen. Im Nachhinein sollen die Vergütungen für eingespeisten Strom für bestehende Anlagen gesenkt werden, ob Photovoltaik, Windkraft oder Biogas.

Der „Güllebonus“ für Biogas-Anlagen – eine Belohnung dafür, dass sie überschüssige Exkremente aus der Massentierhaltung verwerten – soll verschwinden.

Banken wollen nichts mehr wissen von Erneuerbaren „Wir haben beim Bau der Anlage mit diesen Einnahmen kalkuliert und auf dieser Grundlage die Wirtschaftlichkeit berechnet“, erklärte Dietz der Staatssekretärin im hessischen Finanzministerium, Professor Dr. Luise Hölscher (CDU), bei deren Besuch am Mittwoch. Ihm zur Seite stand Friedhelm Emde, Geschäftsführer des Maschinenrings Waldeck-Frankenberg, der mit Dietz Automation zusammenarbeitet.

„Die Diskussionen in der Bundesregierung haben zur Folge, dass Banken keine Gespräche mehr über Kredite führen für Investitionen in erneuerbare Energien“, schilderte Emde. Ohne Investitionssicherheit kein Fortschritt bei der Energiewende, waren sich die beiden Geschäftsführer einig.Dietz Automation hat nach eigenen Angaben mehr als 2 Millionen Euro in die Anlage investiert.

Daraus ergaben sich viele Aufträge für heimische mittelständische Firmen, bestätigte Jürgen Weste, stellvertretender Kreishandwerksmeister. Hessen-CDU gegen CDU-Bundesminister Luise Hölscher forderte von den Betreibern der EEG-Anlagen zwar mehr Flexibilität, um unter veränderten Bedingungen rentabel zu arbeiten, teilte aber die Kritik, dass Vergütungen für Altanlagen nicht gekürzt werden dürfen: „Der Schutz von Treu und Glauben als Rechtsgrundsatz gilt.“

Das Land werde die Erzeuger erneuerbarer Energien hier gegenüber Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) unterstützen, versprach sie. „Die Kürzungen sind politisch nicht durchsetzbar“, bekräftigte Fritz Schäfer (CDU). Für die Energiewende „brauchen wir ein Gesamtkonzept“, unterstrich die Staatssekretärin.

Hintergrund

2300 Tonnen ganze Mais- und andere Getreidepflanzen, Grünschnitt und Gras werden jährlich in der Dietz-Biogasanlage vergoren (rund 75 Hektar Anbaufläche), dazu 2200 Kubikmeter Gülle.

Das entstehende Methangas treibt zwei Blockheizkraftwerke an, die Strom und Wärme zugleich erzeugen. Die Restwärme dient zur Trocknung von Grünschnitt, Buchenholz, Pappelholz oder anderen Rohstoffen, die sich für die Herstellung von Pellets und Briketts eignen.

Die Überreste aus dem Gärprozess der Biogas-Anlage werden als Dünger zurück auf die Felder gebracht. Zur Abdeckung von Verbrauchsspitzen können die BHKWs auch mit Erdgas betrieben werden, doch das sei die Ausnahme, versichert Geschäftsführer Norbert Dietz: „Im Prinzip arbeiten wir in einem geschlossenen System“, das von zwei Mitarbeitern gefahren wird.

Theoretisch ließen sich mit der Wärme aus der Biogas-Anlage Gebäude direkt beheizen, statt über den Umweg der Brennstoff-Trocknung. Der Teufel liegt im Detail: zum Beispiel dem Wärmeverlust, der beim Transport von warmem Wasser durch Leitungen entstünde. „Der Verlust kann bis zu 20 Prozent betragen“, erklärt Friedhelm Emde, Geschäftsführer des Maschinenrings.

Die Frage, wie sich Energie effizient speichern und transportieren lässt, bleibt deshalb die Gretchenfrage der Energiewende. Überlegungen gehen in viele Richtungen. Es wurde schon versucht, das Prinzip der Taschenöfen/Heizkissen auf Salzbasis – jedem Besucher des Willinger Skispringens ein Begriff – auf einen größeren Maßstab zu übertragen.

Doch allein die Dieselkosten für den Transport per Lkw vom Produktions- zum Verwendungsort machten die Wirtschaftlichkeit zunichte. Riesen-Heizkissen für die Wärmeversorgung etwa im Heloponte bleiben vorerst ein Traum.(su)

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