Staatsanwaltschaft, Nebenklagevertretung und Verteidigung im Plädoyer

Haft auf Bewährung oder Freispruch?

Bad Wildungen/Kassel - Aus Sicht der Staatsanwältin und der Rechtsanwältin, die für die Eltern des geschädigten Mädchens die Nebenklage vertritt, ist die Sache glasklar: Der angeklagte Wildunger griff im Sommer 2010 der damals 12-jährigen Freundin seiner Tochter bei einem Ausflug an die Stockelache von hinten in die Bikinihose. Ein Vergehen, nach Paragraf 176 strafbar als Kindesmissbrauch.

Die beiden Juristinnen verwiesen in ihren Plädoyers auf die Aussagen der Belastungszeuginnen vor Gericht, nach deren Angaben das Mädchen in seiner Clique mehrfach in identischer Weise über das Oralsexangebot des Angeklagten per Telefon, über den Vorfall am See und über Kussforderungen des heute 46-Jährigen berichtet hatte. Staats- und Rechtsanwältin führten das Gutachten der Sachverständigen an, die keinen Zweifel am Wahrheitsgehalt der Schilderungen des Mädchens hegt.

Griff zuvor in Gedanken

Die Staatsanwältin hält die entlastenden Aussagen von Ehefrau und Tochter des Angeklagten für nebensächlich, da beide den Vorfall am See offensichtlich nicht beobachtet hätten und auch nicht zwangsläufig hätten bemerken müssen. Das Verhalten des Angeklagten auf Internet-Chatforen, die er nutzte, um minderjährigen Mädchen eindeutige Angebote zu machen, zeige, „dass der Griff in die Bikinihose in Gedanken schon viel früher geschah“, unterstrich die Nebenklagevertreterin (siehe auch Kommentar rechts).

Mädchen in Therapie

„Das Mädchen befindet sich weiter in Therapie. Für uns bei Gericht - die wir auch mit viel schwerwiegenderen Taten dieser Art befasst sind - ist es wichtig zu sehen, welche Auswirkungen dieses Geschehen auf das Kind hat. Es ist eine gravierende Tat, die die geschädigte Zeugin sehr beeindruckt hat“, führte die Staatsanwältin aus.

Vorteile habe die Jugendliche von ihrer Aussage nicht, im Gegenteil: „Das Gerichtsverfahren ist eine schwere Bürde für sie.“ Zugunsten des Angeklagten spreche allein sein leeres Vorstrafenregister. Auf Kindesmissbrauch steht zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft. Die Staatsanwältin forderte ein Jahr und sechs Monate. Ab einem Jahr Gefängnis müssen besondere Umstände vorliegen, um die Haft zur Bewährung auszusetzen. Solche besonderen Umstände sehen Anklage- und Nebenklagevertretung gegeben: Die Angelegenheit liegt zweieinhalb Jahre zurück.

Der Angeklagte hat keinen Kontakt mehr zu dem heute 15-jährigen Mädchen und chattet laut Angaben seiner Ehefrau nicht mehr im Internet. Die Tatsache, dass sein Tun einem größeren Umfeld bekannt geworden ist, beinhaltet bereits eine Strafe.

18 Monate auf Bewährung

Darum schlug die Staatsanwaltschaft vor, die Haft auf zwei Jahre zur Bewährung auszusetzen. Der Angeklagte soll einen Bewährungshelfer erhalten und 1000 Euro an die Opfer- und Zeugenhilfe zahlen. „Ein höherer Betrag träfe die Familie“, fügte die Staatsanwältin hinzu. Der Verteidiger des 46-Jährigen begann sein Plädoyer mit einer persönlichen Aussage: „Wenn jemand meine achtjährige Tochter anrührte, würde ich mehr vergessen als meine gute Erziehung.“

„Traue ihm Tat nicht zu“

Er kenne aber den Angeklagten seit Langem, „und ich traue ihm eine solche Tat nicht zu“. Die Chat-Gespräche im Internet seien „unter aller Kanone, und das weiß mein Mandant. Trotz der Chats glaube ich nicht, dass die geschädigte Zeugin die Wahrheit sagt“, ergänzte der Anwalt. Der Angeklagte könne nicht gestehen, was nicht geschehen sei.

Eis passt nicht zum Griff

Unverständnis äußerte der Verteidiger darüber, dass nach seiner Meinung dem heute 15-jährigen Mädchen und den im ähnlichen Alter befindlichen Belastungszeuginnen Erinnerungslücken nach zweieinhalb Jahren zugestanden würden, der Ehefrau und der Tochter des Angeklagten aber offenbar nicht. „Ihren Aussagen zufolge setzten sich beide Mädchen damals am See, als sie aus dem Wasser kamen, auf die Decke zur Mutter, um nach Geld für ein Eis zu fragen. Das passt nicht zur Geschichte vom Griff in die Bikinihose.“ Die jugendlichen Zeuginnen aus dem Verfahren, die lange Zeit keinen Draht mehr zu der Geschädigten gehabt hätten - „die sich spinnefeind waren“, - stünden nach den Auftritten vor Gericht plötzlich wieder per Facebook in Kontakt zu ihrer Freundin von damals.

Der Rechtsanwalt forderte unter Berücksichtigung all dessen für den 46-jährigen Wildunger Freispruch. Der Angeklagte selbst beteuerte in seinem Schlusswort nochmals: „Ich habe nicht in die Bikinihose gefasst.“ Die sechste Strafkammer spricht ihr Urteil am Donnerstag.(su)

Kommentar

Bittere Erkenntnis

Von Matthias Schuldt

Heute sagt man einmal was Falsches und steht vor Gericht – in einem Nebensatz äußerte sich der Angeklagte am ersten Prozesstag sinngemäß in dieser Weise. Er irrt. Denn ohne den verhandelten Griff in die Bikinihose des zwölfjährigen Mädchens wäre sein Fall mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht vor Gericht gelandet.

Trotz eindeutiger Chatprotokolle. Darin sind sich mehrere Juristen auf Nachfrage einig. Auf ICQ oder per Telefon als erwachsener, älterer Mann einem pubertierenden Mädchen anzubieten, es beim Oralsex „mit der Zunge zu verwöhnen“; so etwas ist – eine bittere Erkenntnis für Eltern – strafrechtlich kaum zu belangen, kaum zu fassen. Haben die Kinder/Jugendlichen den 14. Geburtstag schon gefeiert, wird es noch schwieriger. Dabei können solche Vorgehensweisen von Erwachsenen im Umgang mit Kindern und Kindern an der Schwelle zum Erwachsenwerden gravierende negative Folgen für die Psyche der Mädchen oder Jungen auslösen, wie nicht allein der aktuell verhandelte Fall belegt.

Zwar gibt es im Strafrecht die Tatbestände der „Beleidigung“ und „Belästigung“ (neudeutsch: Stalking), doch die Grenzen zwischen strafbarem Handeln und einem Spiel mit dem Feuer verlaufen fließend. „Eine Grauzone“, räumt ein Jurist ein. Diese Grauzone existierte­ auch vor dem Aufkommen des Internets. Für Erwachsene war es aber schwieriger, fremde Kinder unbeobachtet in dieser Weise anzusprechen – und riskanter. ICQ, Facebook – sie senken die Hemmschwelle und vergrößern die Möglichkeiten der Kontaktaufnahme einerseits und vermitteln Kindern und Jugendlichen andererseits ein Bild falscher Sicherheit.

Der Staat und die Justiz können sie nach augenblicklicher Gesetzeslage nur begrenzt schützen. Umso wichtiger ist es, dass Eltern ein echtes Vertrauensverhältnis zu ihren Kindern aufbauen, damit diese erzählen, wenn sie plötzlich sexuell motivierten „Angeboten“ Erwachsener ausgesetzt sind. Dazu der regelmäßige kritische Blick auf Laptop, Smartphone oder iPad von Tochter und Sohn lässt sich nicht vermeiden. Trotzdem: Kinder und Jugendliche erzählen nicht alles. Keine Garantie auf Schutz. Eine bittere Erkenntnis.

Kommentare