Elina Mundhenke lernt als Zuwanderin und als Mutter in Teilzeit Erzieherin

Harter Weg in unterschätztem Beruf

Bad Wildungen - Vereinbarkeit von Familie und Beruf, berufliche Eingliederung von Zuwanderern, die wachsende Bedeutung frühkindlicher Bildung und der daraus resultierende Bedarf an Erziehungsfachkräften: Elina Mundhenke vereint in sich gleich drei aktuelle Politikthemen.

Vor einigen Jahren kam die junge Frau aus Kasachstan nach Deutschland, als ausgebildete Englischlehrerin, "doch mein Abschluss wird in Deutschland ja nicht anerkannt." Ein Problem, vor dem viele stehen, die nach Deutschland einwandern. Zig Kammern und Behörden in den Ländern sind für die Frage der Anerkennung ausländischer Abschlüsse zuständig. Selbst EU-Mitgliedsländer beschweren sich nach Angaben der "Zeit" regelmäßig über die hohen Hürden. Die Hälfte der berufstätigen Zuwanderer in Deutschland arbeitet laut Bundesarbeitsministerium in Jobs unterhalb der mitgebrachten Qualifikation.

Mama außer Sichtweite

Elina Mundhenke hat versucht, einen Weg in die deutsche Arbeitswelt zu finden und der führte sie in die Kindertagesstätte Friedenskirche. Deren Leiterin Heidi Schween schlug ihr vor, eine Ausbildung zur Erzieherin zu machen - in Teilzeit, denn Elina Mundhenke ist inzwischen verheiratet und Mutter der kleinen Emma.

Das Fröbel-Seminar in Kassel bietet die Ausbildung in Teilzeit an (siehe Hintergrund links). "Das sind 15 Stunden pro Woche. Montags und dienstags bin ich in der Tagesstätte", berichtet die junge Wildungerin.

Tochter Emma geht ebenfalls dort in den Kindergarten, und das vertrug sich zu Beginn nicht mit der Ausbildung der Mama. "Ich war zuerst in einer Nachbargruppe eingesetzt. Emma hat viel geweint und gefragt: Warum darf ich nicht bei Mama bleiben?", erinnert sich die Mutter.

Leiterin Heidi Schween löste das Problem, indem sie Elina in einer anderen Gruppe einsetzte, sodass die Mutter außer Sichtweite des Mädchens kam. "Inzwischen läuft das sehr gut", freut sich die junge Wildungerin; "wenn Emma mich heute trifft, sagt sie einfach ‚Hallo Mama‘ und geht weiter."

So kann sich Elina Mundhenke auf ihre Arbeit in einer Gruppe mit älteren Kindern konzentrieren. Im Sommer, wenn die Tochter in die nächst höhere Altersgruppe wechselt, tauscht auch die Mama und kümmert sich dann mit um die unter Dreijährigen.

Russisch, Englisch, Deutsch

Sie möchte außerdem ihre in Kasachstan absolvierte Ausbildung nutzen und helfen, das Angebot in der Tagesstätte Friedenskirche um ein weiteres Mosaiksteinchen zu bereichern: spielerischen Umgang mit Englisch in ganz jungen Jahren.

Aus eigener Erfahrung mit ihrer kleinen Tochter weiß sie, dass Kindern in ihrer Entwicklung ein früher Kontakt mit mehreren Sprachen guttun kann. Elina spricht mit Emma zu Hause regelmäßig Russisch, "und inzwischen wechselt sie ganz natürlich zwischen beiden Sprachen hin und her, redet mit einer Freundin in Deutsch, dreht sich um und sagt mir etwas auf Russisch." Die Mama hatte viel größere Schwierigkeiten im Umgang mit Deutsch und war - obwohl sie es im Alltagsgebrauch inzwischen perfekt beherrscht - zu Beginn ihrer Ausbildung frustriert.

Ausbildung anspruchsvoll

"Die Ausbildung zur Erzieherin wird oft unterschätzt. Sie ist sehr anspruchsvoll", sagt ihre Chefin Heidi Schween. Psychologie etwa spielt eine große Rolle, die angehenden Erzieherinnen und Erzieher müssen sich mit hochwissenschaftlichen, komplizierten Texten von Sigmund Freud und anderen Geistesgrößen auseinandersetzen. "Psychoanalyse ist wahnsinnig schwer. Oft habe ich nichts verstanden, denn Deutsch ist ja nicht meine Muttersprache", erzählt Elina Mundhenke.

Kolleginnen helfen kräftig

Doch die Kolleginnen halfen ihr kräftig und ermunterten sie, neben Heidi Schween vor allem Ramona Karges, in deren Gruppe Elina arbeitet. Ein großer Trost: Freuds Texte waren selbst für die Muttersprachlerinnen kaum zu entschlüsseln, so verwunden und komplex formulierte er einst seine Gedankengänge. Elina hat sich durchgebissen. Vier Jahre dauert die Ausbildung und die junge Mutter hofft, dass sie sich von dieser Basis aus und mit dem aus Kasachstan mitgebrachten Wissen "eine berufliche Existenz aufbauen kann."

Hintergrund

TEA nennt das Evangelische Fröbelseminar (vertreten in Korbach und Kassel) seine „Teilzeit-Erzieher/innen-Ausbildung“. Zielgruppe sind Frauen und Männer, die im sozialpädagogischen Berufsfeld tätig sind oder waren und den Abschluss der staatlich anerkannten Erzieherin oder des Erziehers anstreben. Kinderpflegerinnen, Sozialassistentinnen, Zugewanderte, deren pädagogische Ausbildung in Deutschland nicht anerkannt wird, und Menschen zählen dazu, die nach individueller Rücksprache mit dem Seminar entsprechende Qualifikationen nachweisen. Voraussetzungen sind unter anderem ein Realschul- oder ein gleichwertig anerkannter Abschluss, eine abgeschlossene Berufsausbildung von mindestens zwei Jahren und berufliche Erfahrung in der pädagogischen Praxis. Zu den elf Unterrichtsmodulen gehören zum Beispiel Beobachtung, Analyse, Dokumentation der Kompetenzen und Möglichkeiten von Menschen und die Entwicklung von Handlungsperspektiven, die Planung und Gestaltung von Erziehungs- und Bildungsprozessen oder Kommunikation, Interaktion und Fremdsprache. Neben 15 Stunden sozialpädagogischer Praxis wie etwa in einer Kindertagesstätte gehören zum Wochenpensum 21,5 Unterrichtsstunden. Drei Jahre plus Berufspraktikum von einem weiteren Jahr dauert die Ausbildung, die 70 Euro monatlich kostet. Weitere Infos: Fröbelseminar Korbach, 05631-505080, Kassel, 0561-81640-215, www.froebelseminar.de.(r)

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