Trägerschaft durch Verein ist Vergangenheit · gemeinnützige GmbH ist in Gründung

Holzfachschule kann weitermachen

+
„ZHEUS“ als eigenes Standbein in der Technologie-Unternehmensberatung ist gescheitert. Die Holzfachschule soll zu ihren Wurzeln zurückkehren: der Lehre. Kompetente Beratung für die Holzbranchen gibt es zwar weiter, aber kostenlos und als Marketinginstrume

Bad Wildungen - Aufatmen bei den meisten Beschäftigten, Aufatmen bei der Stadt Bad Wildungen: Die Holzfachschule macht weiter, neu organisiert und konzentriert aufs „Kerngeschäft“, wie es im Managerdeutsch hieße.

Offiziell gaben Insolvenzverwalter Reinhard Bohlig, der künftige neue Geschäftsführer Hermann Hubing vom hessischen „Fachverband Leben, Raum, Gestaltung“ und Betriebsratsvorsitzender Jens Lohmann gestern die Einigung der Beteiligten bei einer Personalversammlung bekannt. Fachverband übernimmt die Holzfachschule Vereinfacht gesagt übernimmt der Fachverband aus Wettenberg die gesamte Schule und gründet dazu eine gemeinnützige GmbH, deren Geschäftsführer Hermann Hubing wird, der beim Verband dieselbe Rolle inne hat. Neuer Schulleiter wird Michael Bücking.

Die Funktionen, die Heinz Moering bislang in seiner Person vereint hat, werden also getrennt. Hubing dankte Moering für dessen Tätigkeit in den vergangenen 15 Jahren und bescheinigte dem scheidenden Chef, dass er „für die Holzfachschule gelebt hat.“ Diesen Satz quittierten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Beifall. Moering verliert seine Position, bleibt aber bis Jahresende an der Schule und soll sie danach in beratender Funktion unterstützen, sagt Hubing. Nach Beifall auch Kritik an Moering-Ära Das ändert nichts daran, dass sowohl der neue Geschäftsführer als auch Reinhard Bohlig die Fehler deutlich benannten, die aus ihrer Sicht in der Verantwortung Moerings gemacht wurden: Die kostspielige Idee „ZHEUS“ ist gescheitert.

Die Idee, aus der Holzfachschule mehr zu machen als ein reines Bildungsinstitut: sie auszubauen zu einer Unternehmensberatung, die modernstes technologisches Know-How in Form von Projektarbeit an mittelständische Unternehmen der Holzbranche verkauft. Konkurriert mit Gratis-Angeboten Kaum jemand wollte die Berater für teures Geld engagieren. „Die Vermarktung hat nicht funktioniert“, bilanziert Hermann Hubing. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Fachverbände und Handwerkskammern ihren Mitgliedsbetrieben Beratungen kostenlos zur Verfügung stellen. Resultat: allein im vergangenen Jahr ein Minus von 580?000 Euro. In der Konsequenz wurde kurz vor der Insolvenz und während der Insolvenzphase insgesamt zehn Mitarbeitern gekündigt. Ihre Tätigkeit entfiel laut Jens Lohmann schwerpunktmäßig auf „ZHEUS“.

Es seien Diplom-Ingenieure oder vergleichbar Qualifizierte, die sich nun eine andere Stelle suchen müssen. In der Region werde das schwierig, meint Lohmann. Deutschlandweit gesehen stünden die Chancen auf neue Arbeit für die Betroffenen jedoch gut. Einschnitte besonders für obere Gehaltsgruppen Die verbliebenen Beschäftigten müssen Einschnitte akzeptieren, die in erster Linie die oberen Gehaltsgruppen träfen, geben Hubing und Lohmann übereinstimmend an. Das 13. Monatsgehalt fällt weg. Außerdem gilt von nun an für alle der Tarifvertrag des Tischlergewerbes, untergliedert in fünf Lohn- und Gehaltsgruppen.

Bislang fußten die Verträge auf drei verschiedenen Tarifwerken, beinah jede(r) Beschäftigte hatte andere Konditionen. Insgesamt sollen die bislang sehr strikten Grenzen zwischen Modellbauern, Tischlern und Sägewerkern an der Schule aufweichen, die Lehrkräfte stärker interdisziplinär wirken, erklärt Jens Lohmann. „Mehr Kurse sind das Ziel. Mehr Angebote, die an die Bedürfnisse der Unternehmen angepasst sind“, gibt Hubing als Losung aus.

Hintergrund

Großaufgebot: Bürgermeister Volker Zimmermann, sein Stellvertreter Bart van der Meer und Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nawrotzki machten den Beschäftigten in der Personalversammlung ihre Aufwartung. Sie betonten die unverzichtbare Rolle der Schule für die Bildungsstadt Wildungen und zeigten große Erleichterung über den Erhalt der Einrichtung. Die Stadt musste bei den Verhandlungen unbedingt mit ins Boot, denn sie hatte seinerzeit mit Vehemenz durch das Einwerben öffentlicher Gelder und eigene Zuschüsse das Projekt „ZHEUS“ und die „atemberaubende Entwicklung der Schule“ (Nawrotzki) unterstützt. Gerettet werden konnte die Schule nur, weil sie nun die knapp 6 Millionen Euro öffentlicher Zuschüsse nicht zurückzahlen muss. Mehr noch: Die Stadt prüft, ob sie durch eine neue, einmalige Finanzspritze den Neustart der Holzfachschule zusätzlich unterstützen und absichern kann. „Wir stehen dazu in Verhandlungen mit der Kommunalaufsicht“, erläutert Zimmermann auf WLZ-FZ-Nachfrage.(su)

Zahlen und Fakten

Dem „Fachverband Leben, Raum, Gestaltung Hessen“ gehören Tischlerunternehmen, Bestatter und Montagefirmen an. Der Verband ist Eigentümer der neuen Holzfachschule gGmbH (in Gründung). Die neue Gesellschaft erhält einen Aufsichtsrat mit bis zu neun Mitgliedern, den mehrheitlich Vertreter des Tischlerhandwerks besetzen.

„Tischlerdominiert, aber nicht allein auf die Belange dieses Handwerks zugeschnitten“; so beschreibt Geschäftsführer Hubing den künftigen Charakter der Schule. Das Gegengewicht sollen im Aufsichtsrat Vertreter der anderen Fachrichtungen Modellbau, Sägeindustrie und Holzhandel bilden. Ein eigens geschaffener Beirat beschäftigt sich mit der inhaltlichen Ausrichtung der Schule. Von jedem Fachbereich sollen dort jeweils Vertreter der Schule und der Verbände mitwirken, um Lehrangebote und Betriebspraxis enger als bisher zu verzahnen.

Der Fachverband Leben, Raum, Gestaltung zieht mit sechs bis sieben Beschäftigten aus Wettenberg um nach Bad Wildungen, kündigt Hubing an. Davon erwartet er sich weitere Vorteile. Wichtigstes Ziel sind mehr Kurse und damit höhere Umsätze. Erreicht werden soll das durch die sehr strikte Orientierung an den tatsächlichen Bedürfnissen der Unternehmen. So möchte Hubing die überbetriebliche Lehrlingsausbildung des Tischlerhandwerks Hessen so komplett wie möglich nach Bad Wildungen ziehen und will im Fachverband dafür werben. Darin steckt Zündstoff, denn ausgerechnet die heimische Tischlerinnung Waldeck-Frankenberg glänzt an der Holzfachschule durch Abwesenheit, weil in Frankenberg und Korbach Angebote der Handwerkskammer bestehen.

Die Holzfachschule will den Wettbewerb annehmen und dabei mit der hohen Kompetenz ihrer Lehrer und der modernen Ausstattung an Technik punkten, die nach Ansicht der Dozenten ihresgleichen in Deutschland sucht. Konkurrenzlos ist dagegen die Modellbau-Schule in der Holzfachschule. Nur hier werden in Deutschland binnen 20 Wochen Meister dieser Fachrichtung ausgebildet. Ein zweijähriger Techniker-Kursus wird vorbereitet.(su)

Kommentare