Startheater begeistert Publikum in Wildunger Wandelhalle

Jeder lügt, und das ist die Wahrheit

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Bad Wildungen - Am Dienstag noch musste sich Helmut Zierl in der tv-Klinik des mdr („In aller Freundschaft“) einer schweren Operation unterziehen – am Freitagabend stand er live auf der Bühne der Wandelhalle und wurde im ausverkauften Haus vom Publikum gefeiert.

Zu Recht! Zierl spielte – übrigens zum ersten Mal auf einer Tournee-Theater-Bühne – in dem Stück „Die Wahrheit“ von Florian Zeller den erfolgreichen, egozentrischen Manager Michel und erfüllte die Rolle in vielen Facetten mit seiner enormen Bühnenpräsenz. Man muss wohl ein Franzose sein, um als junger Autor und längst bekannter Dramatiker ein so erfolgreiches, amüsantes und hintergründiges Boulevardstück zu schreiben, das seinen Inhalt schon mit dem Untertitel verrät: „Von den Vorteilen, sie zu verschweigen und den Nachteilen, sie zu sagen.“ Vor allem ging es in dem Stück „Die Wahrheit“ ums Lügen geht: um die Lügen von zwei Ehemännern und deren Frauen, die sich gegenseitig betrügen und Michel – „aber doch nicht mit der Frau meines besten Freundes“ – schließlich seiner Frau Laurence (Karin Boyd) verspricht, sie in Zukunft besser zu belügen – und nur noch, wenn es wirklich nicht anders geht. Bis dahin wurde auf der Wandelhallenbühne gelogen, dass sich die Balken bogen. Michael fand es ausgesprochen egoistisch, die Wahrheit zu sagen und debattierte über die Vor- und Nachteile der Lüge mit seiner Geliebten Alice (Caroline Kiesewetter), deren Ehemann, seinem besten Freund Paul (Uwe Neumann) und, als es sein musste, auch mit seiner Ehefrau Laurence. Das schlechte Gewissen seiner Geliebten versuchte Michel zu beruhigen, indem er ihr sagte: „Du belügst Paul doch gar nicht, du sagst im nur nicht die Wahrheit.“ Lange Zeit blieb nicht so recht ersichtlich, „wer nun eigentlich mit wem“, und eine Lösung war bis zum Schluss nicht in Sicht. Helmut Zierl, seine Kolleginnen und sein Kollege unterhielten ihr Publikum fast zwei Stunden lang in der von Peter Lotschak mit komödiantischer Raffinesse inszenierten Komödie. Sie ließen das Boulevardstück zu einem amüsanten Theaterereignis werden. Stets lag knisternde Spannung in der Luft, vor allem dank der witzigen, komödiantischen und zielgenau treffenden Ping-Pong und Zick-Zack-Dialoge, die – was selten genug so gut gelingt – in der deutschen Übersetzung von Annette und Paul Bäcker sprachlich sicher und klug punktgenau ihr Ziel trafen. Das Bühnenbild von Rolf Spahn war tourneegerecht einfach und dabei wirkungsvoll. Vor der Bühnenrückwand in wechselnden Farben standen in den sieben Szenenbildern Hotelbetten, Wohnzimmersofas, das Kleiderregal eines Tennishallen-Umkleideraumes oder der Schreibtisch einer Augenartzpraxis. Außer der Hauptrolle mit Helmut Zierl waren auch die der (fast) gleichberechtigt agierenden Ehefrauen und die des „besten Freundes“ hervorragend besetzt. Alle vier im Ensemble hatten offensichtlich viel Spaß an ihren Lügengeschichten, wenn sie sich über die jeweiligen Unwahrheiten des anderen lautstark aufregten – das war alles so perfekt und wirkte so, als habe der Regisseur seinen Darstellern viele Freiheiten gelassen, die diese auszukosten wussten. Irgendwann kam Michel zu dem Schluss: „Wenn alle aufhören würden, sich zu belügen, dann gäbe es kein einziges Paar mehr auf Erden“, um dann am Schluss des Stückes in den Armen seiner Frau zu bekennen – zu lügen? „Das einzig wahre ist die Wahrheit.“ Es gab lautstarken Applaus, der nicht enden wollte für einen in allen Teilen hervorragend gelungen Boulevard-Theater-Abend. (szl)

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