Wie die Brüder Grimm sich aus dem Volk die Geschichten zutragen ließen

Jedes Märchen kostete ein Beinkleid

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Bad Wildungen - Das passte: Weil das Wetter so schön war, signierte Professor Dr. Heinz Rölleke am Baustellenzaun im Scharnier den prächtigen, opulenten Band „Es war einmal…“

Der Illustrator und Grafiker Albert Schindehütte hat das Buch mit kunstvollen, persönlichen Kalligrafien versehen und aufgewertet. Eine besondere Attraktion war die viele Meter lange Ausstellungswand, zu der das Buchland-Team den Bauzaun gegenüber umfunktioniert hatte.

Röllecke - der deutsche Brüder-Grimm-Papst - hat im Zuge seiner Forschungen an oft selbst entdeckten Briefen und anderen Dokumenten die Namen und Geschichten von 40 Märchenlieferanten der Brüder Grimm ermittelt. 25 der bis dahin weitgehend unbekannten Märchen-Zuträger stellen Rölleke und der Illustrator Schindehütte in ihrem Buch vor, schildern das Leben der Erzählerinnen und Erzähler. Der Grimm-Forscher berichtete, dass zum Beispiel der Wachtmeister Johann Friedrich Krause aus der Nähe von Kassel immer nur Märchen an die Grimms weitergegeben habe, wenn er als Gegenwert dafür eine abgelegte Hose von einem der Brüder erhielt. Nie konnte geklärt werden, was dann eher ausgegangen ist: der Vorrat an Geschichten des Wachtmeisters oder die Beinkleider der Grimms. Dorothea Viehmann, die allein 40 Hausmärchen zur Grimm’schen Sammlung beigetragen hat, war nicht - wie es auch die Grimms zunächst verbreiteten - eine hessische Bäuerin, sondern die Witwe eines Schneiders mit Hugenotten-Vorfahren

Durch andere Hugenottenquellen erklären sich der französische Einfluss und französische Audrücke in vielen der gesammelten Märchen. Rölleke: „Die als hessisch bezeichneten Märchen stammen zum großen Teil aus Frankreich, wo sie allerdings wirklich entstanden sind, das weiß man bei Märchen nie. Sie sind grenzüberschreitend, international und kümmern sich nicht um Staatsgrenzen.“

Ein Märchen hat Rölleke seinen Zuhörern vorgelesen: „Die Lebenszeit“, eine Geschichte, die die Brüder Grimm als letzte in ihre 1840 erschienene Sammlung-Ausgabe aufgenommen haben.

Als wollten die wundersamen Kräfte aus den Märchen den Schlusspunkt setzen, fegte - gerade als der Professor das letzte Buch signiert hatte - eine Windböe den Bauzaun mit all den schönen Bildern zu Boden. Den daraus resultierenden Glasbruch werteten die Anwesenden als Glücksboten.

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