Aufgepeppt: 60 Jahre alte Tortenplatten retten eine unansehnliche Steinmauer in Anraff vor dem Abris

Zum Kaffeeklatsch fehlt nur die Torte

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Aus einem Schandfleck wurde ein neuer Blickfang mit einem Hauch Nostalgie: Dorothé Görgen und Volker Danzglock an ihrer Mauer aus Tortenplatten.

Edertal-Anraff - Eine unansehnliche Steinmauer, der der Abriss drohte, ist heute ein Schmuckstück mit einem Hauch Nostalgie. 30 Tortenplatten aus den 1950er-Jahren - die meisten sind Dauerleihgaben aus Anraffer Haushalten - wurden darin vermauert.

Noch gar nicht lange her, ließen sich Anraffer auf dem gemusterten Porzellan Buttercremetorte, Schwarzwälder Kirsch oder „Krümmelkuchen“ schmecken.

Heute nagt der Zahn der Zeit an dem Geschirr, und der neue Deko-Trend auf Kaffeetischen hat die alten Platten längst überholt. Statt im Schrank zu verstauben, peppen 30 sehenswerte Exemplare eine alte Mauer auf. Filigrane Blüten in zarten Tönen oder frische Farben einer Obst-Platte - die Muster auf weißem Untergrund spiegeln den Stil einer ganzen Tortenplatten-Epoche wider.

„In dieser Mauer steckt ein Stück Anraffer Geschichte“

„Schöner als die Idee war aber der Prozess, wie die Mauer entstanden ist“, sagt Dorothé Görgen. Vor vier Jahren erwarb sie mit ihrem Mann Volker Danzglock eine ehemalige Scheune neben einer Anraffer Gastwirtschaft. Das einst auch als Stall und Schmiede genutzte Gebäude wurde zum Wohnhaus umgebaut. Wände eingezogen, gedämmt, Fußboden verlegt, Bauschutt beseitigt - viel Eigenleistung brachte das Paar ein. Als das Gröbste geschafft war, wollte Danzglock einen Schandfleck beseitigen - die alte Mauer am Eingang. „Lass sie stehen - ich überleg mir dafür etwas Schönes“, bat Görgen. Dabei hatte der Wall keineswegs besonderen Liebhaberwert. Vielmehr kreisten ihre Gedanken um den Abriss. „Ich wollte nicht schon wieder Steine schleppen“, gesteht die 55-Jährige schmunzelnd.

Zunächst dachte sie daran, Mosaikstücke einzuarbeiten. Aber dann hatte sie die bahnbrechende Idee, die Grundstückseinfassung mit Tortenplatten im Design der 1950er- und 60er-Jahre zu verzieren. In Anraff ging Görgen „hausieren“, fragte nach nicht mehr benötigten Tortenplatten aus dieser Zeit. „Bedingung war: Es durften nur Garten- oder Obstmotive sein.“

„Anfangs herrschte eine gewisse Skepsis“, bemerkte Danzglock. Aber dann kamen etliche Stücke zusammen. Bei ihren Hausbesuchen erfuhr die Hebamme so manche Familiengeschichte und hörte Anekdoten zu Hausgeburten. Görgen: „Es hat viel Spaß gemacht.“

Beim winterfesten Einmauern der Antiquitäten half die Erfahrung einer externen Expertin: Eine Zahntechnikerin mixte ein geeignetes Verbundmaterial, damit die glatten Platten auf dem Putz haften. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. „In dieser Mauer steckt ein Stück Anraffer Geschichte - Konfirmationen, Hochzeiten, Sterbefälle und Taufen - das alles haben diese Tortenplatten mitgemacht.“

Überraschender Mauer-Tourismus

Nicht gerechnet haben die Erbauer der originellen Wand mit dem einsetzenden Kaffee-Tourismus. Etliche Wanderer und Radfahrer wurden bereits aufmerksam auf die Tortenplatten-Mauer in der Wegaer Straße, dachten an ein Lokal und baten um Einkehr. „Einige wollten übernachten, andere Kaffee trinken“, sagt die Hebamme amüsiert. Obwohl die Gartenmauer fertig eingedeckt ist mit Tortenplatten, verschwenden die kreativen Gestalter der einladenden Wand keinen Gedanke an ein Café.

„Aber ich will alle Spender noch mal zum Kaffeetrinken einladen“, verspricht Mauer-Besitzerin Dorothé Görgen. Und Danzglock verspricht ein Apfelfest in Anraff. „Die große Schichtpresse steht schon parat“, kündigt der 50 Jahre alte Fahrlehrer an.

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