Stadtführer im Waldecker Kittel: Heimatgeschichte mit Gerhard Germann

Katastrophe durch Wandläuse

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Waldeck - Ein nackter Vogt, Mord und Totschlag beim Schnadezug und ein Zuchthaus an der Waldeck - mit launigen Worten bringt Stadtführer Gerhard Germann beim Rundgang durch die Fachwerkgassen die Geschichte näher. So manche Anekdote gibt der Mann im blauen Kittel preis.

Den Lehrer im Ruhestand und Ersten Stadtrat fesselt die Geschichte seiner Wahlheimat. Das gibt der gebürtige Darmstädter gern an Besucher weiter - gewürzt mit einer gehörigen Prise Humor.

Ihren Namen hat die Bergstadt einem Schäfer zu verdanken. Er döst faul im Gras und hilft einem Ritter auf die Sprünge, der nach einem Platz für eine Burg sucht. Hebt seinen Fuß und deutet in die Landschaft: „Da oben an der Waldeck.“ Mitte des elften Jahrhunderts entsteht die Burg als Wehranlage auf der Höhe. 1183 wird Wittekind III. erstmals Graf von Wal­deck genannt. Das Städtchen ist Mittelpunkt der Grafschaft, die Burg Residenz bis 1655. Ackerbürgerschaft, Handel, Gewerbe sind von untergeordneter Bedeutung. Bis 1900 zählt Waldeck kaum mehr als 400 Einwohner, heute sind es etwa 1700.

„Nackend aus dem Bett gesprungen“

Beim Rundgang erinnert Germann an ein tragisches Kapitel: Die fünf großen Brände, die zwischen 1656 und 1671 wüteten. „Am 26. August 1656, abends um 8 Uhr hat Marx, des Vogts (Verwalter) zu Waldeck, Frau mit einem Licht die Wandläuse verbrennen wollen, zündete dabei ihr Haus an, und es brennen der Herrschaft die Fruchtscheunen wie auch die besten Häuser der Bürger in derselbigen Straße ab, an der Zahl 27 in Summa“, zitiert Germann aus Überlieferungen.

Wegen Wassermangels konnte niemand löschen. Der Stadtführer weiter: „Der Vogt ist nackend aus dem Bett gesprungen, etwas vom Feuer beschädigt, ist er in der Angst nach Netze gelaufen, niedergefallen und des anderen Tages gestorben.“

Glücklicherweise sind derartige Katastrophen mit dem heutigen Brandschutz undenkbar. Andere Gepflogenheiten hätten indes Vorbildcharakter. So wie die Brauerei, die in 1520 existierte: Die Braumeister und mehrere Gehilfen sind bei der Stadt angestellt. Bis 1900 wird Waldecker Bier gebraut - der Bierdurst ist allerdings bis heute nicht gelöscht. Friedlich oder legal geht es keineswegs zu im alten Wal­deck. Davon zeugen das Gefängnis im Netzer Tor und das Landeszuchthaus in der Burg. Eine Verordnung in 1770 von Fürst Friedrich lässt Böses erahnen: „Da wir mit Missfallen vernommen, welchen Unfug, ja Mord und Totschlag die Schnadezüge verursachen, so sollen sie nur alle zehn Jahre gehalten werden.“

Die Kirche ist das älteste Gebäude, mit dem Bau wird um 1300 begonnen. Germann: „Am 17. Juni 1526 hielt Pfarrer Johann Hefentreger hier die erste evangelische Predigt im Wal­decker Land.“ Nach ihm sind 24 evangelische Pfarrer im Amt. Von 1877 bis 1951 bleibt die Pfarrstelle unbesetzt, Waldeck wird 74 Jahre lang von Netze aus verwaltet.

Eine sehenswerte Station ist der letzte erhaltene Brunnen aus dem Jahr 1751. Der Schacht ist 52 Meter tief und hat einen Durchmesser von 2,20 Meter.

Bemerkenswert ist ein Haus in der Altstadt, erbaut Ende des 17. Jahrhunderts. Nach 100-jährigem Familienbesitz wird es der Stadt vermacht, dient als Schule und Bürgermeisteramt und geht 1979 wieder in Privatbesitz über. Auf der sanierten Fassade prangt das Waldecker Stadtwappen. Im Gegensatz zum gräflichen, achtstrahligen Wappen hat es nur sechs Strahlen. „Man sagt, dass der Stempelschneider zu bequem war“, erläutert der 71 Jahre alte Heimatkundler.

Kontakt und Informationen: Gerhard Germann, Tel. 05623/5350; Bürgerbüro, Tel. 05623/ 973782

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