Ausstellung: „Ehemalige Bad Wildunger Juden und ihre Kinder im Interview“

Kaum erforschte Regionalgeschichte

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Erika Mannheimer (Bildmitte mit Flasche in der Hand) im Jahr 1946 bei der Ausreise per Schiff in die USA.

Bad Wildungen. - „Ehemalige Bad Wildunger Juden und ihre Kinder im Interview“ heißt eine Ausstellung, die vom 14. Oktober bis zum 11. November im Stadtmuseum in der Lindenstraße zu sehen ist. Im Blickpunkt: Menschen, die den Krieg überlebten und heute auf ihre alte Heimat zurückschauen.

Dieses Kapitel jüdischer Regionalgeschichte ist für Bad Wildungen bislang kaum erforscht.

Für die Juden, die den Holocaust überlebt hatten, bedeutete das Kriegsende 1945 das Ende unendlichen Leidens und die Hoffnung auf einen Neuanfang. Aber rasch wich die Freude über die wiedererlangte Freiheit neuen Problemen und Enttäuschungen.

Nur eine Handvoll Juden überlebte das Konzentrationslager und kehrte nach Bad Wildungen zurück. Dazu zählte Selma Hammerschlag, die in Theresienstadt war, ebenso wie Erika und Lina Mannheimer, die nun in der Eichlerstraße 23 wohnten. Selma Hammerschlag wurde in Theresienstadt befreit und reiste nach Bad Wildungen über Kassel-Wilhelmshöhe, wo sie fast drei Monate lang eine Typhuserkrankung auskurierte. Es entstand sogar wieder eine eigene jüdische Gemeinde mit etwa 30 Mitgliedern. Neben den KZ-Überlebenden zählten US-Besatzungssoldaten und Polen dazu. Die Gemeinde hatte ihren Sitz in der Brunnenstraße 22, später im Kurweg 1. Ihre Vorsitzenden hießen Sally Grünberg (er betrieb eine Großhandlung mit Textil-, Roh- und Abfallstoffen in der Brunnenstraße 59), David Moses, Abraham Freilich und zuletzt Levi Gutheim aus Ungedanken.

Die Gottesdienste wurden von den Rabbinern Ernst Lorge, später Mayer Abramowitz geleitet und fanden in der Brunnenstraße 20, der Hufelandstraße 15 und im Hessischen Hof (Brunnenstraße 41) statt. Als Erinnerung an die in der Pogromnacht 1938 zerstörte Synagoge wurde ein Jahr nach Kriegsende ein Gedenkstein am ehemaligen Standort gesetzt. Kurze Zeit später wurde er auf den jüdischen Friedhof umgesetzt.

1946 ausgewandert

1948 wurde das ehemalige Palasthotel Baruch in der Brunnenallee 29 als Kurheim für ehemalige KZ-Häftlinge eröffnet. Für die nächsten Jahre sollten sich dort jeweils 60 Menschen von ihren Leiden erholen können. Aber das war schwer: Oft erfuhren die Überlebenden erst nach Kriegsende, dass viele ihrer Familienmitglieder in den Konzentrationslagern ermordet worden waren.

Selma Hammerschlag etwa verfiel in Depressionen und meinte, „es wäre vielleicht besser, wenn ich auch nicht mehr unter den Lebenden wäre. Was hat mein Leben noch für einen Zweck?“ Deutschland sei noch immer voller Antisemiten. Verzweifelt und deprimiert verließen bereits 1946 die Überlebenden Bad Wildungen für immer in Richtung Israel oder die USA.

Lange Zeit wohnten nur wenige Juden dauerhaft in Bad Wildungen. Noch bis in die 1990er-Jahre lebte hier die Familie Freilich, die aus Polen stammte. Sie betrieb ein Textilgeschäft in der Brunnenstraße 20 und wohnte in der Hufelandstraße 16. In der NS-Zeit war Abraham Freilich Zwangsarbeiter im polnischen Sosnowiec und überlebte die Konzentrationslager Buchenwald und Blechhammer, ein Außenlager von Auschwitz.

Neues jüdisches Leben

Nach dem Fall der Mauer 1989 zog ganz neues jüdisches Leben in die Stadt ein: Von diesen 100 Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion leben heute noch etwa 80 in Bad Wildungen. Etwa die Hälfte davon ist Mitglied in der jüdischen Gemeinde Kassel. Diese Neubürger haben sich auch an der Verlegung der „Stolpersteine“ in Bad Wildungen beteiligt.( jgr)

Die Ausstellung im Stadtmuseum, Lindenstraße 9, ist vom 15. Oktober bis 11. November zu den üblichen Öffnungszeiten jeweils dienstags bis sonntags von 14 bis 17 Uhr sowie nach Absprache zu sehen.

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