Dr. Rüdiger Lorenz im Ruhestand

Kindheit geht häufig verloren

Bad Wildungen - Dr. Rüdiger Lorenz war 29 Jahre lang Kinderarzt in Bad Wildungen, in diesen Tagen hat er seine Praxis geschlossen.

Der Mediziner, der aus dem Ruhrgebiet stammt - „dem ich mich noch heute verbunden fühle“ - hat von 1970 bis 1976 in Gießen studiert. Während seiner Weiterbildung an der dortigen Universitätskinderklinik zwischen 1979 und 1984 lernte er seinen Kollegen Dr. Mathias Bauer kennen und trat in dessen 1982 gegründete Kinderarztpraxis am 1. Oktober 1984 ein. 1991 ließ sich Lorenz in eigener Praxis nieder.

Er hatte bereits während seines Studiums gemerkt, dass er gerne mit Kindern arbeiten würde, und sah im Beruf des Kinderarztes eine besondere Herausforderung, der er sich mit Freude gestellt hat und die ihm stets eine große Befriedigung gab. „Ich hatte damit ein sehr umfassendes Fach der Medizin gewählt und erlebte in der Begegnung mit Kindern sehr viel Witziges und Tiefsinniges.“ Nachdem er geimpft worden war, fragte ein vierjähriger Junge im Beisein des Arztes einmal seine Mutter: „Mama - wie alt wird ein Kinderarzt eigentlich?“

Schwerpunkt Epilepsie

Auch die Begegnungen mit den Eltern der Kinder in den Sprechstunden brachte manche Abwechslung, wobei es Rüdiger Lorenz Freude bereitete, sich in raschem Wechsel auf die vielfältigen Sprachebenen der Kinder und Erwachsenen einzustellen.

Schwerpunktmäßig hat sich Lorenz um die Kinder gekümmert, deren Gehirn besondere Wege geht; um Kinder mit Erkrankungen des Nervensystems und mit Epilepsien. Er wollte im Auge behalten, welche Auswirkungen diese Erkrankungen auf das Erleben des jungen Menschen haben und wie sie sich mit der Lebensgeschichte verflechten. In seinem Gedächtnis haben Geschichten von Menschen, die besonderen Schwierigkeiten ausgesetzt waren, tiefe Eindrücke hinterlassen. „Diese Geschichten werden mich auch noch im Rentenalter beschäftigen.“

Kinder arm dran

Am Ende seiner Laufbahn lobt Lorenz ausdrücklich die gute Zusammenarbeit mit all seinen Kollegen am Ort und ist dankbar für die Unterstützung durch seine Mitarbeiterinnen. Er beklagt: „Kinder in unserer Gesellschaft sind arm dran“ - und sieht mit Bedauern, wie viel Kindheit verloren geht, weil für Kinder wenig Zeit bleibt. Fernsehen und zu früher, übermäßiger Gebrauch von Computern enthalten den Kindern viele Anregungen vor, die sie im Spiel mit ihresgleichen an der frischen Luft mitnehmen könnten. Die Folge seien nicht nur Übergewicht, sondern auch nicht krankheitsbedingte motorische Schwierigkeiten. „Es ist schlimm, dass manches an Rhetorik und Sprache in Therapien gelernt werden muss, was in einem gesunden Kinderleben gelernt werden könnte.“ Diese Lebensbedingungen verschlimmerten­ die häufigen Aufmerksamkeitsstörungen, bei denen zwar Vererbung eine Rolle spiele, die aber durch unsere verwirrenden und wenig Rahmen gebenden Lebensbedingungen so akzentuiert würden, dass heute Kinder vom Scheitern bedroht seien, die es früher nicht gewesen wären.

Hintergrund

Der scheidende Kinderarzt bedauert, dass er trotz zwei Jahre währender, intensiver Versuche keine Nachfolge fand. Aufgegeben hat er die Hoffnung darauf gleichwohl nicht. Seinen Kollegen bleibt er als Vorsitzender des Wildunger Ärztevereins erhalten und tritt damit die Nachfolge von Dr. Lutz Gercke an. Er wünscht sich, „dass all jene, die durch ihre Entscheidungen die Rahmenbedingungen zu dieser Entwicklung geschaffen haben, ihre Verantwortung erkennen und eingestehen.“ Er zielt ab auf die überhandnehmende Bürokratie. Wer ungewöhnliche Wege gehen wolle, bekomme Schwierigkeiten oder laufe Gefahr, unsinnige Regresse zahlen zu müssen. „Ich sehe die Gefahr, dass solcher Umgang mit den Ärzten diese in einer Weise verändert, die sich die Gesellschaft nicht wünschen kann.“ Dr. Rüdiger Lorenz freut sich dagegen auf seinen Ruhestand mit Zeit für seine beiden Enkel, für ein Epilepsieforschungsprojekt in Tübingen, zum Lesen und Schreiben und zum Erwandern der Ederseeregion.(szl)

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