Kleine Museumsnacht in Bad Wildungen · Kräuter und Klöster prägen mittelalterliche Heilkunst

Krötenaugen um den Hals gehängt

Dr. Alice Selinger vor einer Vitrine mit Heilkräutern. Im Mittelalter braute man aus Rosmarin, Salbei,Thymian und Lavendel einen „Vier-Diebe-Essig“, der gegen die Pest helfen sollte.

Bad Wildungen - Geschröpft und zur Ader gelassen heißt eine Ausstellung über die Heilkunst im Mittelalter, die im Rahmen der kleinen Museumsnacht am Samstagabend in der Wandelhalle eröffnet wurde.

„Bei diesem Titel kann einem bekennenden Hypochonder ja Angst und Bange werden“, so Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nawrotzke, der die Ausstellung eröffnete. Das Thema passe zur Geschichte der Wildunger Kurmedizin und zum von der Stadt künftig forcierten Gesundheitstourismus, „der für uns mehr sein wird als Wellness und Fitness“.

Die Kunsthistorikerin Dr. Alice Selinger aus dem südhessischen Dreieich hat die Ausstellung zusammengestellt und in die Schau, die mit Exponaten aus Bad Wildunger Museen ergänzt wird, mit einem Einführungsvortrag erläutert.

Wissen steckte in Klöstern

Die Heilkunst im Mittelalter sei vielfältig gewesen und mute heute teilweise durchaus modern an. Etwa die Pflanzenheilkunde, von der die mittelalterlichen Kräuterfrauen ein fundiertes Wissen hatten, ebenso in den Klöstern, in denen es umfangreiches Wissen zu Heilpflanzen und Ernährungslehre gegeben habe. Im Mittelalter hätten aber auch gewissenlose Quacksalber und Scharlatane ihr Unwesen mit der Angst der Menschen getrieben. Aberglaube sei weit verbreitet gewesen. („Es stärkt das schwache Auge, wenn man die Augen einer Kröte entnimmt und sich selbst um den Hals hängt.“)

Knöcheltief im Unrat

Ohne Antibiotika und ohne jegliches Wissen zu den Übertragungswegen von Infektionskrankheiten waren die Menschen im Mittelalter verheerenden Seuchen hilflos ausgeliefert. „Die Menschen wateten in den Städten knöcheltief durch Unrat, überall waren Ratten, vor den Häusern lagen Abfälle, überall gab es offene Kloaken.“ Die Pest sei mit Essig und mit dem Ausräuchern der Häuser mit Weihrauch und Schwefel bekämpft worden. Nach Messen und Prozessionen habe man auf göttlichen Beistand gehofft. Alles vergebens: im 14. Jahrhundert fiel ein Drittel der Menschen Europas der Pest zum Opfer.

Vom 7. bis zum 12. Jahrhundert wurde laut Alice Selinger das Wissen zur Heilkunst fast ausschließlich in Klöstern vermittelt. Prägend für die Klostermedizin in Westeuropa wurden die Ordensregeln der Benediktiner. Neben Kräuterfrauen haben für die meisten Kranken Bader, Barbiere und Scherer eine wichtige Rolle gespielt. Die Bader ließen zur Ader und schröpften, Barbiere waren häufig zugleich Zahnärzte, Scherer arbeiteten meist fürs Militär.

Bruch- und Steinschneider

In der „Heilkunde“ waren auch die Bruch- und Steinschneider, die Star-Stecher und die Zahnbrecher tätig. Sie arbeiteten oft auf Wanderschaft und traten gemeinsam mit Possenreißern auf, um ihre Patienten anzulocken. Zu Beginn der Ausstellungseröffnung hatte der städtische Kulturbeauftragte und Museumsleiter Bernhard Weller auf die Bedeutung der Wildunger Quellen im Mittelalter hingewiesen und die Entdeckung, die Nutzung und die Wirkung der heutigen Georg-Viktor-Quelle geschildert. Die Ausstellung ist bis zum Sonntag, 20. Oktober, zu sehen.

Zwischen der Eröffnung der Ausstellung „Heilen im Mittelalter“ und der bunten-festlichen Illumination der Wandelhalle erklang im voll besetzten „Quellencafé“ mittelalterliche Musik. Das Musiktheater-Ensemble „Dingo“ aus Hofgeismar gastierte mit seinem Programm „Es stunt ein frou allein“, in dem es um weiblichen Minnegesang geht. Die Minnesängerinnen sind auf ihrer Suche fündig geworden und haben in Frankreich und hinter den Klostermauern der Hildegard von Bingen und Mechthild von Magdeburg weibliche Minnegesangsliteratur entdeck; ein paar deutsche Minnelieder werden weiblich geprägt ins Programm aufgenommen.

Die Besucher im Quellencafé hatten viel Spaß am Minnegesang und am speziellen mittelalterlichen Instrumentenklang von Flöten, Stabspiel, Dommel, Cister, Drehleier und Sackpfeife und sparten nicht mit ihrem herzlichen Applaus.

Der mittelalterliche Schwerpunkt in der Wandelhalle und die Illumination bildeten den Abschluss des reichhaltigen Museumsnacht-Programms, das am Nachmittag mit Exerzierübungen und der offiziellen Eröffnung durch den Direktor der Museumslandschaften Hessen Kassel, Professor Dr. Bernd Küster, und Bürgermeister Volker Zimmermann im Innenhof von Schloss Friedrichstein begonnen hatte. Von Werner Senzel

Kommentare