Debatte um das Kostengutachten der Stadtverwaltung

„Kurhaus ist mir 700000 Euro jährlich wert“

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Charme aus alten Kurhaushaus-Zeiten; Über den Erhalt der Immobilie wurde bei der Bürgerversammlung in der Wandelhalle hitzig diskutiert.Archivfoto: Schuldt

Bad Wildungen - „Wir wollen uns von diesen Kostenpositionen nicht erschrecken lassen!“ Was Alt-Bürgermeister Dr. Albrecht Lückhoff entschieden verkündete, hätte als Motto über der Bürgerversammlung stehen können, die sich am Montagabend in der Wandelhalle mit dem Gutachten zum Kurhaus beschäftigte.

Auf rund 5,2 Millionen Euro beziffert das Odershäuser Ingenieurbüro Frese die Kosten für eine Wiederinbetriebnahme des Kurhauses. „Eine Schätzung“, betonte Bauamtsleiter Klaus Weidner, als er die Zahlen den 150 bis 200 Interessierten vorstellte. Auf den Stühlen saßen samt und sonders Kurhaus-Anhänger, denn nicht eine Stimme aus dem Publikum pflichtete der Stadtmarketing-Chefin Ute Kühlewind bei, die auf Nachfrage auf dem Höhepunkt der Debatte meinte: „Wir brauchen die Kursäle nicht.“

Albrecht Lückhoff und seine kleine, engagierte Gruppe hinter dem nach ihm benannten Papier hielten mit aller Überzeugung dagegen. „Wir brauchen das Kurhaus, wir wollen das Kurhaus, wir können es meistern“, rief Lückhoff unter Beifall in den Saal. Architekt Bernd Gehring, einer der Mitautoren des Papiers, wiederholte die Sätze.

Lückhoff erinnerte an eine der wichtigsten Entscheidungen seiner Amtszeit: das Rathaus am historischen Standort zu sanieren und es nicht abzureißen. Dieser Schritt habe eine Reihe von Investitionen, öffentlicher wie privater Natur, in der Altstadt ausgelöst. Eine ähnliche Sogwirkung für das Kurviertel versprechen sich die Gruppe und ihre Anhänger vom Erhalt des Kurhauses, „auch wenn wir nicht der Illusion erliegen, dass ein halbes Jahr nach Wiederbelebung des Kurhauses Baugerüste an der leeren Klinik ‚Parkhöhe‘ stehen“, sagte Lückhoff.

Zweifel an der Aussagekraft der Zahlen

Große Zweifel hegen die Kurhaus-Anhänger bezüglich der Aussagekraft der 5,2 Millionen Euro aus dem Gutachten. Müssen Elektro-, Lüftungs- und Brandschutztechnik tatsächlich komplett neu konstruiert und installiert werden? Warum werden eine Photovoltaik-Anlage und der Umbau des sehr großen Küchentraktes zu Büroräumen mit sechsstelligen Beträgen als notwendige Voraussetzung für die Wiederinbetriebnahme kalkuliert? Das sind nur zwei Kostenpositionen, die sich die Lückhoff-Gruppe vornahm, um nach Einsparungschancen zu suchen. Nach ihrer Rechnung reichen 3,2 Millionen Euro für die Wiederinbetriebnahme aus.

„Hinwendung zum Stückwerk“

Gutachter Heinrich Frese rechtfertigte die Aufstellung: „Die Photovoltaik ist kein Muss, verbessert aber die Wirtschaftlichkeit.“ Bauamtsleiter Klaus Weidner hatte kein Verständnis für die Vorgehensweise der Lückhoff-Gruppe: „Diese Hinwendung zum Stückwerk erstaunt mich. Entweder nehme ich die Sanierung eines solchen Gebäudes richtig in Angriff oder ich lasse es sein.“

Die Experten für Elektro-Installationen, Belüftung und Brandschutz sahen keinen Spielraum für nennenswerte Einsparungen. Hartmut Schaub (Elektro) und Winfried Leucker (Lüftung/Brandschutz) verschafften sich bei einem Rundgang durchs Kurhaus mit den Gutachtern Marco und Heinrich Frese einen Eindruck. „Für die Elektrotechnik werden keine Ersatzteile mehr hergestellt“, bilanzierte Schaub. Die Belüftung und Ent-rauchung von Kurhaus und Tiefgarage sei in der bestehenden Form nicht genehmigungsfähig, unterstrich Leucker. Beide zeigten sich aber auch beeindruckt vom Kurhaus. „Wow, so etwas muss erhalten bleiben“, beschrieb Leucker seinen ersten Gedanken beim Betreten und kassierte Jubel aus dem Publikum.

Bernd Gehring warb für Zuversicht, auch in Sachen Erhalt der Technik: „Es handelt sich beim Kurhaus um einen Sonderbau, und das gilt es mit den Genehmigungsbehörden zu verhandeln.“ CDU-Stadtverordneter Marc Vaupel brachte die Quintessenz des Abends von seiner Warte aus so auf den Punkt: Eine Investition von rund 3 Millionen Euro entspreche etwa 20 Prozent der Neubau-Summe des Kurhauses von einst. Auf die nächsten zehn Jahre gerechnet, koste das werthaltige Gebäude die Stadt inklusive Betrieb und Unterhaltung 700000 Euro pro Jahr. „Das ist es mir wert. Schließlich bezahlen wir aktuell 220000 Euro jährlich, ohne einen Nutzen zu haben“, unterstrich er, begleitet vom Applaus des Publikums.

Von Matthias Schuldt

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