Wildunger wegen gefährlicher Körperverletzung und Bedrohung angeklagt

Lange Freundschaft endet mit Schlägen

Bad Wildungen/Fritzlar - Der 4. Januar 2012 in der Wildunger Brunnenstraße nahe dem Kaiserlindendeck: Zwei Männer streiten auf offener Straße. Plötzlich rastet einer der beiden aus, belegt den anderen mit einem Hagel aus harten Fausthieben, schlägt und tritt den zu Boden Gegangenen zusammen. Die beiden sahen sich am Montag vor dem Fritzlarer Amtsgericht wieder. Einer als Kläger, der andere als Angeklagter.

Es ist der Moment, in dem eine mehr als 30 Jahre alte Männerfreundschaft zerbricht. Warum? Mehr noch: weshalb in dieser brutalen Form? So richtig kann Richterin Lahmann das nicht nachvollziehen, auch nicht am Ende der Beweisaufnahme am Montagnachmittag im Fritzlarer Amtsgericht.

Ungleicher Kampf

Dort muss sich der 42-jährige Angreifer wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Sein ehemaliger Freund, neun Jahre älter und körperlich unterlegen, hatte keine Chance in dieser einseitigen Auseinandersetzung, wehrte sich laut Zeugenaussagen nicht einmal, sondern versuchte lediglich, schützend die Arme vors Gesicht zu nehmen.

"Er hat fürchterlich mit der Faust zugeschlagen. Ich war total entsetzt, wie man so brutal auf jemanden einschlagen kann", schildert jene Zeugin das Geschehen, die den Mut hatte, dem Angreifer ein "Aufhören, Aufhören" laut entgegenzurufen und die per Handy die Polizei alarmierte. Wie von Sinnen sei der Mann gewesen.

20, 30, vielleicht mehr Schläge und Tritte hatte sein Opfer zu erleiden. Ungezählte Prellungen, ein Bruch der Augenhöhle und weitere Verletzungen waren die Folge. Vier Tage musste der Familienvater stationär in der Stadtklinik behandelt werden.

"Mehr Glück als Verstand"

"Seit drei Monaten frage ich mich: Warum hat er das getan? Ich kann nicht mehr schlafen", sagt der so Misshandelte vor Gericht. Trotz der schweren Verletzungen kann er sich glücklich schätzen, denn körperliche Langzeitfolgen sind nicht zu erwarten.

Zum Angeklagten meinte Richterin Lahmann darum: "Sie hatten mehr Glück als Verstand." Hätte der mit voller Wucht ausgeführte, letzte Tritt gegen das Kinn des Opfers oder ein vorhergehender Hieb, ein Tritt, schlimmere Folgen ausgelöst, dann wäre der 42-Jährige vor einem höheren Gericht gelandet; dann hätte ihm eine Strafe oberhalb von zwei Jahren Gefängnis gedroht.

"Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte. Wir waren doch Freunde und ich bereue sehr, was ich getan habe. Ich habe die Kontrolle verloren", gibt der Angeklagte vor Gericht zu Protokoll.

Eine Chance, dass ihm der ehemalige Freund verzeihen könnte, - die existiert nicht. Er tritt mit seiner Anwältin als Nebenkläger auf und erklärt, weshalb das Tischtuch zwischen den beiden endgültig zerschnitten ist: "Am 19. Januar, zwei Wochen später, hat er mich angerufen. Ich habe seine Nummer gesehen und abgehoben, weil ich glaubte, dass er sich entschuldigen will." Stattdessen habe der Angeklagte ihm aber wegen der erstatteten Anzeige gedroht, mit etwa diesen Worten: "Wenn ich deine Kinder treffe, mache ich sie fertig." Beleidigungen begleiteten die Drohung.

Für diese zusätzliche Wortattacke muss sich der Angeklagte ebenfalls am Montag in der Verhandlung verantworten - ein wichtiges Detail mit Blick auf das Urteil, wie sich im späteren Verlauf des Prozesses zeigt.

Die "Kinder" sind der Schlüssel: die zwei erwachsenen Söhne des 51-Jährigen und sein Neffe. Dieser war in der Silvesternacht des Party-Bunkers verwiesen worden. Der 42-jährige Angeklagte wollte "ihn beruhigen. Dabei ist mir die Hand ausgerutscht". Der Cousin des Jugendlichen - der ältere Sohn des 51-jährigen Wildungers und späteren Opfers - sprang seinem Vetter bei.

Dieser Konflikt bildete den Keim. Die jungen Leute wollten sich an dem 42-Jährigen rächen, doch ihr Vater und Onkel hielt sie zurück, wie er am Dienstag vor Gericht berichtet.

Beleidigungen auf Türkisch

Der Angeklagte entschuldigte sich kurz darauf auch bei dem jungen Mann für die "ausgerutschte Hand". Damit hätte alles erledigt sein können.

Die jungen Männer aber ließen nicht locker. Beleidigungen gegen den Angeklagten über Facebook, die persönliche Auseinandersetzung zwischen ihm und einem der Söhne in einem Grill-Imbiss. Beleidigungen in türkischer Sprache wechselten die Seiten, Beleidigungen, wie sie ein Türke nicht schlimmer aussprechen kann, wie der 51-jährige Familienvater der Richterin im Zeugenstand erläutert.

"... ich hätte keine Eier..."

"Ich hätte keine Eier und meinen Schwanz eingezogen", so habe eine Schmähung der Söhne seines Freundes gegen ihn gelautet, schildert der Angeklagte vor Gericht. Seine Sicht der Dinge: Der Vater und Onkel hätte seine Jungs zur Raison bringen müssen. So sei es in türkischen Familien üblich.

Der ältere Freund habe das aber "nicht eingesehen". Auch nicht an dem Abend des 4. Januar, als sich die beiden Männer eher zufällig in der Altstadt begegneten.

Sechs Wochen U-Haft machen Eindruck

Sechs Wochen, bis zur Verhandlung, saß der Angeklagte in Untersuchungshaft. Sie hat ihn beeindruckt. Der seit Jahren an Depression leidende und unter Betreuung stehende Wildunger unternahm nach eigenen Worten einen Selbstmordversuch, weil er mit all den Geschehnissen nicht klargekommen sei.

Den Staatsanwalt erweichte er damit nicht: Wegen der Brutalität der gefährlichen Körperverletzung und der anschließenden Drohungen per Telefon beantragte er eine Gesamt-Freiheitsstrafe von einem Jahr und elf Monaten - ausgesetzt zur Bewährung für die Dauer von drei Jahren. Außerdem soll der Angeklagte 200 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten

Sehr wichtig war dem Staatsanwalt, dass der Angeklagte­ auch wegen der Bedrohung und Beleidigung verurteilt wird, denn dann reicht in den nächsten drei Jahren ein bedrohendes oder beleidigendes Wort gegen irgendjemanden - und der 42-Jährige wandert ins Gefängnis.

Richterin Lahmann folgte dem Antrag ohne Einschränkungen. Für den Angeklagten sprachen sein Geständnis, seine Reue, seine bislang reine Weste im Strafregister, seine feste Partnerschaft und die Aussicht auf eine feste Arbeitsstelle. Aus all dem schließt das Gericht, dass ihn das Urteil von weiteren Straftaten abhalten wird - deshalb die Bewährung. Zu seinen Lasten wogen die Brutalität seines Angriffs und der Drohanruf 14 Tage später.

Staatsanwalt und Gericht ermahnen die Familien

Ungewöhnlich: Nach dem Staatsanwalt wandte sich auch das Gericht mit einer eindringlichen Mahnung an das Publikum, in dem die Angehörigen beider Familien saßen. Alle Beteiligten sollten das Urteil als Schlusspunkt werten.

"Ich habe keine Lust, dass in einem halben Jahr jemand anderes von Ihnen wegen dieser Angelegenheit auf der Anklagebank sitzt", sagt Richterin Lahmann. Nicht grundlos, denn der ältere Sohn und der Neffe des Opfers standen vor wenigen Wochen noch selbst wegen einer Disco-Schlägerei vor Gericht.

"Ich hoffe, dass die Ermahnung wirkt", kommentiert ein Polizeibeamter nach dem Urteil und fügt hinzu: "Die sechs Wochen Untersuchungshaft für den Angeklagten haben sich immerhin in der Stadt herumgesprochen und wohl Eindruck hinterlassen..." (su)

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