Bad Wildungen: Professor gestaltet bei Senioren-Uni eine ganz andere Vorlesung

Mama mehr bieten als Adventsgedudel

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- Bad Wildungen (szl). „Herr setze dem Überfluss Grenzen – und lasse Grenzen überflüssig werden, gib der Regierung gute Deutsche – und den Deutschen eine gute Regierung, nimm den Ehefrauen das letzte Wort und erinnere die Ehemänner an ihr erstes, Herr sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen – aber bitte nicht sofort“ – diese Zeilen aus dem Neujahrsgebet eines unbekannten Pfarrers von St. Lamberti zu Münster aus dem Jahre 1883 sang Johannes M. Becker als Choral zur Gitarre zum Abschluss der diesjährigen Senioren-Universität.

Regelmäßige Hörer hatten Becker als Wissenschaftler mehrmals zu Vorlesungen in der Wandelhalle erlebt, waren erstaunt und erfreut, dass sich der Geschäftsführer des Zentrums für Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg als unterhaltsamer Kleinkünstler mit der Gitarre präsentierte und Texte, Geschichten und Gedichte las, rezitierte und proklamierte – einfühlsam, gekonnt, besinnlich, nachdenklich, lustig und ernst, immer so, dass es großes Vergnügen bereitete zuzuhören. Der Professor erzählte auch, wie es dazu gekommen ist: Als sich seine Mutter vor Jahren darüber beschwerte, dass in ihrem Marburger Altenstift in der Adventszeit von früh bis spät Weihnachtslieder „gedudelt“ wurden, da habe er beschlossen, ein Kontrastprogramm zu machen. Gesagt, getan – und so ist Johannes M. Becker seit 2002 mit seinem „Weihnachten ist schon ’n gemeiner Trick“ immer erfolgreich am Jahresende unterwegs; mit einem Titel übrigens, dessen Worte von Klaus Lage stammen.

Die Zuhörer in der Wandelhalle hörten von Becker Texte, Lieder und Gedichte und staunten, wer sich schon seit alten Zeiten und bis heute an der Einordnung und an der Interpretation des „Friedensfestes“ versucht und beteiligt hat. Der Marburger Professor hatte eine ganze Reihe von bekannten und weniger bekannten Autoren auf Lager: Bertolt Brecht, Heinrich Heine, Friedrich Hebbel und natürlich Johann Wolfgang von Goethe („Ich habe diese Zeit des Jahres gar lieb“).Auf dem Becker-Programm auch Erich Mühsam, Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Rainer Maria Rilke und Heinz Erhard. Von Kurt Tucholsky, „der Deutschland geliebt und unter Deutschland gelitten hat“, zitierte Becker aus seinem Weihnachtsgedicht Einkäufe „schenkt ihm keine Reaktion, die hat er schon, die hat er schon“.

Schmunzeln löste Becker bei seinen Zuhörern auch aus mit dem Gedicht „Die göttliche Wende“ von Peter Schütt –„einem großen Dichter der deutschen Linken in den 60er-Jahren“ – der darin fragt, was wohl geworden wäre, „wenn der unschuldige Bräutigam in Bethlehem verwundert festgestellt hätte: „Jesses, Maria, ein Mädchen...!“ Für den Referenten gab es wie immer Brotaufstrich aus Wal­decker Früchten, der Marburger Professor hatte für Bernhard Weller eine Flasche Chardonnay aus seinem französischen Urlaubsort mitgebracht: „Was Bernhard Weller hier in Bad Wildungen auf die Beine stellt, ist unglaublich; auf Marburger Verhältnisse übertragen müssten dort 500 Menschen zu so einer Veranstaltung kommen.“ Weil es die letzte Vorlesung des Senioren-Semesters war, blieben die Hörer noch bei Kaffee und Kuchen zusammen.

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