Bad Wildungen

Minutenlang siegt die Gewohnheit / Video

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- Bad Wildungen (su). Uiuiui!! Die ersten Minuten läuft es den Ordnungsamtsmitarbeitern um Martin Segeler gestern Morgen heiß und kalt die Rücken hinunter. Auf dem Fetten Hagen gilt ab sofort Gegenverkehr, und trotz großer Warnschilder ziehen reihenweise Fahrer aus Richtung Kaiserlindendeck gewohnheitsmäßig ihre Autos auf die linke Spur.

Kurz nach 11 Uhr ist es da. Segeler reagiert und stellt seine Kollegen in Posten entlang der Straße auf. Sie winken irrlichternden Autofahrern zu, dass sie auf der rechten Spur bleiben müssen. Zu Unfällen kommt es nicht, nicht einmal zu Schimpftiraden, im Gegenteil. Freundlich hupend machen sich die Leidensgenossen auf vier Rädern gegenseitig auf die neuen, ungewohnten Umstände aufmerksam.

Derweil wartet Erster Stadtrat Manfred Jahnes mit Blumensträußen an der Kaffeemühle auf die ersten drei Kraftfahrer, die nach mehr als drei Jahrzehnten den Stadtring in Gegenrichtung nutzen. Jahnes ist optimistisch, „dass der Verkehr in Zukunft noch flüssiger läuft als bisher.“ Ein wenig stocken werde es zu Beginn sicherlich, „aber das spielt sich ein.“

Stimmt, es stockt. In der ersten Viertelstunde nach dem Wegräumen der Sperren und dem Aufstellen der Schilder an der Kaffeemühle scheint sich keine Automobilisten-Seele den Fetten Hagen in die neue Richtung hinauf zu trauen.Da – endlich rührt sich was unten auf der Straße. Nein, Fehlalarm; ein grell-oranger Pritschenwagen. Straßenbauamt oder Bauhof sollen nun keine Blumen einheimsen, die sind schließlich dienstlich unterwegs. Der Kleinlaster passiert und dann erst realisieren Jahnes und der Rest des Empfangskomitees: Es handelt sich um einen privaten Schrotthändler, Kasseler Kennzeichen.

Doch alles Hinterher-Rufen nutzt nichts mehr. Der Mann entschwindet mit seinen Heizkörpern und alten Fahrradfelgen auf der Ladenfläche in die Altstadt.So ist es Augenblicke später ein Wildunger, dem die Ehre zuteil wird, offiziell der Erste zu sein. Rainer Scharff nimmt strahlend die Urkunde von Martin Segeler und den Blumengruß von Manfred Jahnes entgegen – „dann kann ich bei meiner Frau punkten.“ Der Wildunger ist begeistert: „15 Jahre habe ich darauf gewartet.“ Endlich muss er keine großen Zwangsrunden um die Altstadt mehr drehen.

Okan Romanci ist der Zweite. Was er vom Gegenverkehr hält? „Ungewohnt, aber okay“, antwortet der junge Mann. Auch er freut sich über die kürzeren Strecken. Dem Mann auf dem Bronze-Rang geht es ebenso. Nino Hübner wohnt in der Altstadt: „Sehr ungewohnt. Ich hatte Angst, dass mir auf meiner Spur was entgegenkommt. Aber es ist toll: Ich habe jetzt einen ziemlich kurzen Nachhauseweg.“ Unterdessen entspannt sich die Lage am Fetten Hagen deutlich. Ein schönes Bild gibt der neue Lindentor-Kreisel ohne Fahrbahn-Sperren und in Funktion ab, finden nicht nur die städtischen Mitarbeiter. Hier fließt der Verkehr reibungslos: in die Altstadt-Lindenstraße, aus ihr hinaus, auf den Riesendamm und von ihm herunter.

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