Anonyme Flugzettel bezichtigen Wildunger des Kindesmissbrauchs und des Drogenhandels

An den modernen Pranger gestellt

Bad Wildungen - „Achtung Kinderschänder!!!“ Das schreckt jeden auf. Unbekannte haben sich in den vergangenen Tagen den Schreckensruf zunutze gemacht, um einen Wildunger, den sie des Kindesmissbrauchs und des Drogenhandels mit Minderjährigen bezichtigen, öffentlich an den modernen Pranger zu stellen: mit vollem Namen, Adresse und Foto.

Sie befestigten DIN-A5-Zettel mit entsprechendem Inhalt in der Altstadt an gut sichtbaren Stellen oder warfen sie in Briefkästen ein. Auf Facebook machte die Kampagne ebenso die Runde wie über WhatsApp. „Wo leben wir denn? Im Mittelalter?“, fragt Bürgermeister Volker Zimmermann verärgert und verweist gemeinsam mit Ordnungsamtsleiter Martin Segeler darauf, dass es sich bei diesem Vorgehen um Straftaten handelt: Beleidigung und üble Nachrede werden vom Gesetz mit Geld- und Haftstrafen geahndet, sogar unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Behauptungen. Geld- und Haftstrafen können den Autoren ebenso drohen wie denen, die das Ganze verbreiten. Ein reines Weiterleiten per Smartphone oder auf anderen Wegen im Netz reicht möglicherweise aus. Die Stadt hat Polizei und Staatsanwaltschaft informiert. In Deutschland müssen die Strafverfolgungsbehörden die Ermittlungen aufnehmen, wenn sie von einer Straftat Kenntnis erhalten, und so ist es auch in diesem Fall. Das bestätigt Polizeisprecher Volker König auf Anfrage. Außerdem können die Urheber der Flugblätter zivilrechtlich verklagt werden, weil sie gegen das Recht des Mannes am eigenen Bild verstoßen. Die Einträge scheinen aus Facebook inzwischen gelöscht worden zu sein. Wer sich einer solchen Kampagne ausgesetzt sieht, kann sich an das Unternehmen wenden und die Löschung verlangen. Lynchjustiz per anonymer Hetze, das Internet nutzend, um das „Ziel“ umso härter und effektiver zu treffen: Die Krimiserie „Tatort“ griff das Thema vor zwei Wochen auf und dachte es konsequent zu Ende bis zum körperlichen Angriff auf den vermeintlichen Kinderschänder. Die Wildunger „Rufmörder“, wie Bürgermeister und Ordnungsamtsleiter sie bezeichnen, verlangen von ihrem Publikum zwar kein gewaltsames Einschreiten, doch die Aufforderung, die Polizei über Beobachtungen bezüglich des Mannes zu informieren, trägt Feigenblatt-Charakter. Denn die psychischen Folgen für das Opfer einer solchen Kampagne sind kaum abzuschätzen. Das gilt auch für etwaige Verwandte, die automatisch mit am Pranger landen. All das zu verurteilen, bedeutet nicht, die Augen vor der Realität zu verschließen. Es gibt viele Drogensüchtige in Bad Wildungen und abhängige Dealer, die versuchen, sogar Kinder als Kunden heranzuziehen. Auch sexueller Missbrauch Minderjähriger ist in diesem Umfeld zu finden. Der Weg, Kinder davor zu schützen, muss aber ein anderer sein als der über Selbstjustiz und Rufmord, sagen alle Beteiligten. Es gibt eine große Zahl von Hilfsangeboten und Anlaufstellen. Kinder müssen ermutigt werden, sich an Erwachsene zu wenden, denen sie vertrauen, sobald ihnen etwas nicht geheuer ist. Im Zweifel sollen sie laut schreien und andere auf sich aufmerksam machen, wenn sie sich bedroht fühlen. Eltern können ihre Kinder durch verschiedene Präventionsprogramme stärken. Starke Kinder sind am besten geschützt. Auch Kindergärten und Schulen engagieren sich in der Badestadt auf diesen Feldern.Erwachsene müssen Zivilcourage zeigen und bereit sein, sich einzumischen, wenn sie einen Verdacht hegen – auf dem Weg über die Polizei und die Jugendschutzbehörden. Anlaufstellen gibt es viele: den Wildunger Präventionsrat, das Jugendhaus, die Jugend- und die Suchtberatung des Diakonischen Werks in der Alten Schule am Kirchplatz oder Thomas Bender und seine Kollegen von der Wildunger Polizeistation, um einige zu nennen. Das Wildunger Ordnungsamt hält entsprechende Informationen bereit.

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