Konditor Karlheinz Kesting (83) erfüllt sich lang gehegten Traum bei Patissier Christian Bach (43)

Ein Tag in der neuen, alten Berufswelt

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Karlheinz Kesting bei der Fertigstellung von aufwendigen Obsttorten gemeinsam mit Patissier Christian Bach und dessen Mitarbeiterin Helene Jordan, die nach einem Auslandsaufenthalt in ihren Lehrbetrieb zurückgekehrt ist, „weil es hier am schönsten ist“.Foto: Senzel

Bad Wildungen - „Jetzt bin ich ein richtig glücklicher Mensch“, strahlte Karlheinz Kesting (83), als er am Mittwochmittag in der Backstube der Patisserie Christian Bach die braune Schürze ablegte und seine mitgebrachte, eigene weiße Arbeitsjacke ausgezogen hatte.

Einen halben Tag lang half er Bach und seinem Team bei der Herstellung von aufwendigen Torten und außergewöhnlichen Pralinen.

Wie das zustande kam? Der Wildunger Karlheinz Kesting begann 1946 eine Bäckerlehre, die er drei Jahre später in der Bäckerei Noll (Markt-Café) mit der Gesellenprüfung erfolgreich beendete.

Als selbst Lastwagen mitten durch die Altstadt fuhren

Gerne hätte er eine Konditorlehre in der Fremde angeschlossen, doch das einzige Angebot kam aus Villingen im Schwarzwald, „und der Betrieb verlangte, dass ich Verpflegung und Heizmaterial selbst stellen muss“. Das akzeptierten die Eltern von Karlheinz nicht und so absolvierte der Bäckergeselle die Zusatzausbildung im elterlichen Betrieb, dem ehemaligen „Kasseler Hof“ in der Brunnenstraße (heute Schuhhaus Wilhelm). Kesting: „In diesen Jahren fuhren noch die Autos, auch schwere Lkw, in beiden Richtungen durch die Brunnenstraße.“

Im Juni 1966 wurde Karlheinz Kesting Konditormeister. Mit seiner Ehefrau Elli übernahm er den elterlichen Betrieb mit Restaurant, Café, Konditorei und Bierstube. Er erinnert sich: „Wir hatten damals ein paar Fremdenzimmer. Ich schlief ganz oben im Haus und wenn nachts ein Gast klingelte, stand ich auf, lief die Treppen runter und ließ ihn ein, weil der Weg zu den Gästezimmern durch die Küche führte.“ Nachdem die Kestings den „Kasseler Hof“ an Robert Wiegand (Schuhhaus Wiegand) verkauft hatten, bot ihm der Klinikunternehmer Werner Wilhelm Wicker („von dem ich manchen guten Rat erhalten habe“) an, die Cafeterias in dessen Kliniken in Bad Zwesten und in Reinhardshausen zu führen, was er bis zu seinem 65. Lebensjahr tat.

Im Ruhestand dachte Kesting oft an seine Zeit als Konditor zurück, erzählte seinem Verwandten Michael Spangenberg aus Odershausen davon, wie gerne er dem Patissier Christian Bach bei dessen Arbeit mal über die Schulter schauen würde. Spangenberg vermittelte den Kontakt und so stand Karlheinz Kesting am Mittwoch in aller Frühe in der Bach’schen Backstube.

Daraus wurde viel mehr als ein reiner Blick über die Schulter. Bei einer Tasse Kaffee bot sich Gelegenheit zum ausgiebigen Fachsimpeln.

„Frankfurter Kranz“ und „Liebesknochen“

Christian Bach (43) hörte interessiert zu, was der fast doppelt so alte Altstadt-Konditor aus früheren Zeiten zu berichten wusste, und dieser staunte im Gegenzug ein ums andere Mal, wie sich die Zeiten in seinem Beruf geändert haben. „Da kann ich richtig neidisch werden“, meinte Kesting.

Im „Kasseler Hof“ waren bei den Gästen seinerzeit Cremeschnitten mit Krokant und Kirschen (im Volksmund „Frankfurter Kranz“) und Eclairs („Liebesknochen“) der Renner.

Mohn-Cassis-Sahnekuppel und Milchkaffee-Pralinen

Christian Bach stellt heute feine Torten mit Spezialitäten wie Schokolade aus Frankreich, Mandeln aus dem Mittelmeerraum und Vanille aus Tahiti her. Kesting: „Von solchen Zutaten konnte ich in der Nachkriegszeit nicht einmal träumen und nach den Not- und Hungerzeiten wurde bei Weitem nicht so viel Wert auf Feinheiten gelegt.“

Die Zubereitungsmethoden seien zu seiner aktiven Zeit viel umständlicher gewesen, bei Christian Bach habe er ganz viel Neues gesehen und „im hohen Alter noch einiges gelernt“.

Patissier Bach machte es sichtlich Spaß, sich mit einem Kollegen aus einer anderen Generation auszutauschen und zu erfahren, wie es früher in seiner Branche zuging.

Kesting konnte eifrig mit anpacken und helfen, Mousse-au-Chocolat-Torten, Mohn-Cassis-Sahne-Kuppeltorten und Milchkaffee-Pralinen zuzubereiten. Der Konditormeister war mit Begeisterung dabei und freute sich, dass ihm manches immer noch gut von der Hand ging, zum Beispiel das Zerlegen eines Wiener Bodens in vier dünne Teigplatten.

Bach staunte immer wieder, wie viele Handgriffe der Kollege im hohen Rentenalter noch draufhat: „Gelernt ist gelernt.“ Kesting bestaunte die Kreativität des Jüngeren, der davon überzeugt ist: „Das kann man nicht lernen, das geht nur mit ganz viel Liebe zum Beruf, der so zum Kunsthandwerk gerät.“

Der Bad Wildunger Patissier erzählte, wie er im Kasseler Café Paulus gelernt hat: „Der Meister dort belegte eine Erdbeerschnitte mit den Früchten wie mit dem Lineal gezogen - dem haben wir Lehrlinge nachgeeifert.“

Die Mühe hat sich gelohnt, so sehr, dass die Patisserie Bach heute zu den führenden Betrieben ihrer Branche zählt. Zum Abschluss seines Besuchs sagte Karlheinz Kesting, er habe sich riesig gefreut, dass er dort so freundlich aufgenommen wurde und aktiv mitarbeiten durfte: Ich habe mich rundum wohlgefühlt.“

Von Werner Senzel

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