Bürgerversammlung zum Bad Wildunger "Superthema"

Ohne Heloponte kaum vorstellbar

Bad Wildungen - „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir unser wunderschönes Heloponte nicht mehr haben.“ In einer großen Bürgerversammlung zum Schicksal des Wildunger Familienbads der Region erhielt diese Bemerkung den stärksten Applaus.

Diese Wortmeldung kam übrigens vom Bruder des Bürgermeisters, der bisher als einziger städtischer Entscheidungsträger eine klare Meinung zu dem Wildunger Superthema, das die Gemüter zunehmend erhitzt, vertritt. Volker Zimmermann lehnt es strikt ab, in das 35 Jahre alte Bauwerk zu investieren und plädiert für Variante drei: einen unspektakulären Neubau an einem bisher unbekannten Standort. Allerdings ohne Freibad, ohne Sauna, ohne Eisbahn, ohne Riesenrutsche, ohne ... Nur noch Bahnenschwimmen, Schulschwimmen und Kleinkinderbecken soll es geben.

Dieses „reine Funktionsbad“ zum Preis von etwa zehn Millionen Euro fand zumindest in der Bürgerversammlung am Donnerstagabend in der gut gefüllten Wandelhalle (etwa 200 Besucher) nicht einen einzigen Fürsprecher. Verständlich, zumal eine Generalsanierung plus beachtlicher Attraktivitätssteigerung am gewohnten Standort mit Soleaußenbecken und aufpolierter Saunawelt nur zwei bis drei Millionen teurer wäre. Für ein Projekt dieser Größenordnung keine außergewöhnliche Summe. Die Besucherzahl könnte sich von 150000 auf 200000 erhöhen.

„Bädle“-Fan Volker Zimmermann musste bereits deftige Kritik aus dem Stadtvolk einstecken. Er wolle die Wildunger mit einer „Zigarrenschachtel“ beglücken, wird gemunkelt, was der Rathauschef inzwischen mehrfach vehement bestritten hat. Oder eine Teilnehmerin der Bürgerversammlung: „Der Bürgermeister will uns nach Fritzlar und Reinhardshausen schicken.“ Soll heißen: nach Fritzlar ins dortige Freibad, nach Reinhardshausen in die Sauna der „Quellentherme“.

Noch bis zum 4. Oktober läuft eine Bürgerbefragung, deren Ergebnis mit Spannung erwartet wird. Zur Auswahl stehen fünf Alternativen, die gipfeln im Abriss des Heloponte gänzlich ohne Ersatz. Dies dürfte den Wildungern zum Glück erspart bleiben. Bürgerversammlungsleiter Wolfgang Nawrotzki, der Vorsteher des Stadtparlaments, liebäugelt mit Variante fünf, einem anspruchsvollen Neubau mit Privatbeteiligung: „Dann sollte es etwas Großes werden.“ Zum Beispiel ein Publikums-Badehit, gekoppelt mit Hotel. Nawrotzki teilte mit, die eigentlich bis Ende 2013 angestrebte Grundsatzentscheidung der Stadtverordnetenversammlung könne sich wegen der schwierigen Materie bis Frühjahr 2014 verschieben.

Das Alt-Heloponte bleibt auf jeden Fall bis 2016/17 geöffnet (es kursieren schon Gerüchte über das praktisch bereits dichtgemachte Wildunger Bad).Für Kenner der Materie brachte die Bürgerversammlung keine aufsehenerregenden neuen Fakten. „Interessant war es trotzdem“, so ein Insider.

Zunächst erläuterten Fachleute den Stand der Dinge, verteidigten die hier und dort angezweifelte Kostenschätzung der Generalsanierung von elf Millionen Euro („viel zu hoch“): „Die sind fix, an dieser Summe führt kein Weg vorbei.“ Innen hui, unter Mauerwerk und Fliesen fast alles pfui, so könnte man den aktuellen Zustand des Siebziger-Jahre-Bads beschreiben. Der Gast registriert ein nach wie vor außergewöhnlich präsentables Bade-Ambiente, aber im Technikkeller, im Labyrinth der Rohrleitungen, in den vier Becken oder unterm Dach ist vieles marode. „Dieses Bad hat mit 35 Jahren seine Lebensdauer erreicht“, so Marco Steinert vom Büro Altenburg, dem Hauptgutachter. Parlamentsvorsteher Nawrotzki: „Von dieser erschreckenden Bilanz waren wir alle geplättet.“

„Warum hat die Stadt Heloponte so verkommen lassen?“ – Diesen Vorwurf wollten Bürgermeister und Betriebsleiter Günter Gutheil, der Stadtkämmerer, nicht auf sich sitzen lassen. Seit 2006 wurden 2,1 Millionen Euro in lupenreine Sanierung gesteckt (insbesondere Dacherneuerung), hinzu kommen alljährlich 200 000 Euro für allgemeine Unterhaltung. Gutachter Steinert unterstützte die Gescholtenen: „35 Jahre, das ist für ein solches Bad eine verdammt lange Zeit.“

Aus dem Frage- und Antwortspiel: „Unser Bad hat überregionale Funktion. Könnten die Nachbarkommunen nicht ebenfalls einen finanziellen Beitrag leisten?“ „Völlig aussichtslos“, so der Bürgermeister.

Bad Wildungen hat sich Gesundheitstourismus auf die Fahne geschrieben: „Deshalb sollte unser Bad ein attraktives Zugpferd sein, nicht ein Bedarfsbad mit nur wenig mehr als Schulschwimmen.“

Weitere Kommentare aus dem Publikum: „Wildungen will Wohlfühlstadt sein, ohne ein vernünftiges Bad ist das wohl schwerlich möglich.“ „Brauchen wir wirklich ein Freibad, der Edersee ist doch in der Nähe?“ „Bad Wildungen ohne Heloponte ist für mich uninteressant, ich werde wegziehen.“ Die Wortmeldungen wollten kein Ende nehmen: „Bei bestem Sommerwetter blieb das Freibad montags zu, kein Wunder, dass die Besucherzahlen runtergehen.“

„Warum sind wir überhaupt hier?“, reagierte eine Dame erbost über den Hinweis des Stadtverordnetenvorstehers auf die letztendliche Festlegung der Marschroute durch die Parlamentsfraktionen. Für die Entscheidungsfindung ist das Ergebnis der Bürgerbefragung aber mit Sicherheit ein wichtiger Fakt.Nach Versammlungsende strebten viele Besucher spontan zur großen Wahlurne und gaben unter dem Eindruck der Diskussion ihr Votum ab. (jm)

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