Überwältigende Mehrheit der Stadtverordneten gegen Oestreich-Votum von Bürgermeister und Stadträten

Parlament stellt Scholz und Magistrat kalt

Bad Wildungen - Machtlos musste Bürgermeister Volker Zimmermann am Montagabend in der Stadtverordnetenversammlung zusehen: Mit überwältigender Mehrheit (gegen nur drei Stimmen) kehrte das Parlament beim Haus Oestreich das Unterste zuoberst und servierte das von Magistrat und Bauamt favorisierte Neubau-Projekt Scholz ab.

„Keine zweite Chance für Scholz“, sagte SPD-Fraktionsvorsitzender Walter Mombrei mit Blick auf die Geschichte der Wetzlarer Gesellschaft, die mit ihrem Rückzug aus dem Projekt Fürstengalerie vor rund zehn Jahren nachhaltigen Eindruck bei den Stadtverordneten hinterließ. „Von dem lassen wir uns nicht noch mal vera…“, bekräftigte ein CDU-Abgeordneter abseits des Protokolls. So bleiben nur die zwei Wildunger Bewerber im Rennen: Der eine ist die Gruppe Wolfgang Nawrotzki/Wolfgang Ochs/Bernd Gehring mit einem Neubau-Großprojekt über vier Geschosse mit insgesamt 4000 Quadratmetern Fläche. Davon sollen vier Fünftel auf gewerbliche Nutzung (Läden, Stadtcafé, Spielbank, Supermarkt) entfallen, der Rest auf Wohnungen. Knackpunkte aus Sicht von Walter Mombrei: Parkplätze sind nicht vorgesehen und müssten abgelöst (bezahlt) werden, was das Vorhaben exorbitant verteuert. Außerdem bezieht die Planung ein benachbartes Grundstück ein, von dessen Eigentümern noch keine offizielle Stellungnahme vorliegt, ob sie zum Verkauf bereit sind. Der zweite Bewerber für das Grundstück Oestreich ist Harald Stuhlmann, der das Gebäude erhalten will, im Erdgeschoss Ladenflächen, im Obergeschoss Büros und im Dachgeschoss Wohnungen plant auf insgesamt etwa 1000 Quadratmetern. „Mehr erreichen als nur ein Grundstück wach zu küssen“ „Wir wollen uns an dieser Stelle im Scharnier nicht auf das Wachküssen eines einzelnen Grundstücks beschränken. Wir wollen mehr für die Stadt erreichen“, leitete Walter Mombrei den Vorschlag der SPD an die beiden Wildunger Bewerber ein. Stuhlmann könne das Haus Oestreich kaufen und sich mit der Gruppe Nawrotzki/Ochs/Gehring darauf einigen, dass deren großer Entwurf auf dem Stuhlmann’schen Grundstück gegenüber (NKD-Geschäft) inklusive Parkplatz realisiert wird. Der FDP-Abgeordnete Jörg Schäfer zeigte sich skeptisch: „Herr Stuhlmann hat vor den Stadtverordneten kürzlich doch angekündigt, dass er seine Immobilie modernisieren und die Parkplätze bauen will.“ Stuhlmann selbst, der im Zuschauerraum anwesend war, machte keine Anstalten, zu all dem öffentlich Stellung zu nehmen. Wolfgang Nawrotzki hatte den Saal zu diesem Tagesordnungspunkt gemäß den gesetzlichen Vorschriften aus Befangenheit verlassen und die Aufgabe des Stadtverordnetenvorstehers an seinen Stellvertreter Dr. Edgar Schmal weitergereicht. „Die Frage des Kaufpreises spielt aus Sicht der Stadtverordneten eine untergeordnete Rolle“, fasste dieser die Haltung der Parlamentarier beim kürzlichen nicht öffentlichen Treffen zum Thema zusammen. Scholz bietet 300 000 Euro, Stuhlmann 265 000 Euro und damit so viel, wie die Stadt selbst bezahlt hat. Die Gruppe Nawrotzki/Ochs/Gehring will den Bodenrichtwert abzüglich der Abrisskosten entrichten. Grünen-Fraktionschef Klaus Stützle zeigte sich völlig verblüfft vom SPD-Vorstoß: „Wir sind nicht bereit, das Projekt Scholz einfach zu beerdigen, denn er hat sich an die Vorgaben gehalten. Jetzt reden wir von völlig neuen Voraussetzungen.“ Planungsausschuss-Vorsitzender Stefan Riedel (Grüne) lobte die Stadtverwaltung für die offene Informationspolitik in dieser Frage gegenüber dem Parlament. Kurios: Während die Stadtverordneten den Kurhaus-Hotel­investor noch wegen seiner Grobskizzen in die Wüste geschickt hatten, stimmten sie nun gegen Scholz, der als Einziger eine detaillierte Planung fürs Grundstück Oestreich vorgelegt hatte mit 350 Quadratmetern Ladenfläche und 630 Quadratmetern Wohnungen (größere Variante unter Einbeziehung des Nachbargrundstücks möglich).Im März setzt sich der Planungausschuss mit der neuen Situation auseinander. In der April-Sitzung soll das Parlament über den Verkauf entscheiden. „Der Termin steht“, betonte Mombrei im Brustton der Überzeugung.

Hintergrund: Ursprünglich gab es vier Bewerber fürs Haus Oestreich. Der vierte Interessent, ebenfalls ein Wildunger, zog allerdings zurück, noch bevor die Stadtverordneten bei ihrem nicht öffentlichen Treffen zum Haus Oestreich in der Wandelhalle über seine Pläne ins Bild gesetzt wurden. Nach Informationen des Bürgermeisters und der Stadtverwaltung sah dieses vierte Konzept den Erhalt des Gebäudes vor. Im Untergeschoss sollte ein türkisches Hamam-Bad eingerichtet werden. Für das Erdgeschoss war Gastronomie mit türkischen Spezialitäten vorgesehen, mit dem Schwerpunkt auf Backwaren. „Von der Idee her kann man sich das ähnlich wie das Café Schwarze vorstellen“, erläutert Ute Kühlewind vom Wildunger Stadtmarketing. Von Matthias Schuldt

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