Integrierte Gesamtschule und Asklepios-Bildungszentrum unterzeichnen Kooperationsvereinbarung

Ist Porsche oder Gesundheit wichtiger?

Reinhard Hollstein (links) und Mizrab Akgöz haben die Kooperationsvereinbarung zwischen Integrierter Gesamtschule Edertal und dem Asklepios-Bildungszentrum unterzeichnet.Foto: Schuldt

Edertal - „Früher haben wir Bewerbungsgespräche geführt, heute werben wir für die Ausbildung im Gesundheitswesen“, sagt Mizrab Akgöz, Leiter des Asklepios-Bildungszentrums für Gesundheitsberufe. Um möglichen Nachwuchs frühzeitig zu erreichen, unterzeichnete er eine Kooperationsvereinbarung mit Reinhard Hollstein, Rektor der Integrierten Gesamtschule Edertal.

Die erste Partnerschaft dieser Art hat das Zentrum jüngst mit der Wildunger Hans-Viessmann-Berufsschule abgeschlossen. Weitere mit Schulen in Bad Wildungen und benachbarten Landkreisen sollen folgen.

Ziel ist es, das althergebrachte Image der Pflege in den Köpfen junger Leute zu aktualisieren: „Unsere Berufe werden verbunden mit Dienen, schlechter Bezahlung, Schichtdiensten oder dem Umgang mit Exkrementen“, erklärt Akgöz.

Möglichkeiten für Schüler mit allen Abschlüssen

Das Bildungszentrum wolle dagegen die vielen Möglichkeiten in den Mittelpunkt rücken, die das Metier für Haupt-, Realschüler und Abiturienten biete.

Nach dem Einstieg per Krankenpflegehilfe-Ausbildung öffne sich für einen jungen Menschen mit Hauptschulabschluss der Weg sogar bis hin zu einem dualen Studium.

Realschüler haben eine kürzere Distanz bis zu diesem Ziel zu überwinden und Abiturienten können vom Reifezeugnis weg zweigleisig fahren: „Ausbildung in der Gesundheitspflege und duales Studium parallel“, wie Akgöz unterstreicht.

Der Pflegeberuf professionalisiere sich. Das spiegele sich nicht allein in akademischen Titeln widerspiegele, sondern auch in der Zahl der Nischen für Spezialisten. Sie wächst. Neue Berufsbilder wie Anästhesie-Assistent/in oder Operationstechnische/r Assistent/in bieten Perspektiven für an Technik Interessierte, die zugleich mit Menschen umgehen wollen.

Gesundheitsberufe im Arbeitslehre-Unterricht

„Im Zuge der Kooperationsvereinbarung knüpfen wir regelmäßige Kontakte zwischen den Lehrkräften unserer Schule und denen des Bildungszentrums“, erklärt IGE-Rektor Reinhard Hollstein. Die Gesundheitsberufe würden in den Arbeitslehre-Unterricht integriert. Talent und Interesse könne sich hier bei Schülern zeigen und herausbilden: eine wertvolle Orientierungshilfe für die Berufswahl.

Hollstein hält die Zusammenarbeit für vielversprechend, weil eine Integrierte Gesamtschule in besonderer Weise Sozialkompetenz vermittele. „Stärkere und schwächere Schüler im gemeinsamen Unterricht; das fördert die Fähigkeiten in diesem Bereich und viele, die sonst zu früh aussortiert würden, lassen sich in ihren Leistungen mitziehen“, sagt er.

Das Bildungszentrum fördert seinerseits gezielt schwächere Schüler. „Unsere Unterrichtskräfte nehmen an speziellen Fortbildungen teil, um diese Aufgabe zu erfüllen“, schildert Mizrab Akgöz einen weiteren Ansatz, den Mangel an Pflegekräften zu bekämpfen.

Fehlende Sozialkompetenz bei Jugendlichen bereitet den Arbeitgebern im Gesundheitswesen tatsächlich mehr Kopfzerbrechen als schwächere Noten. Die Kommunikation der digitalen Welt lässt grüßen. „Auf Facebook können Jugendliche alles, aber face to face - von Angesicht zu Angesicht - zu kommunizieren, fällt ihnen immer schwerer“, bringt Akgöz das Dilemma auf den Punkt.

Dabei sei diese Grundfertigkeit unerlässlich, um die richtige Balance von Nähe und Distanz im Umgang mit Patienten zu finden.

Diese Herausforderung könnten die Schulen allerdings nicht allein und in erster Linie meistern, sondern hier seien Eltern und Gesellschaft gefragt. Auch beim Setzen von Schwerpunkten: Ist der Porsche vor der Tür wichtiger oder die Gesundheit, ob die eigene oder die der anderen?

Die Rückbesinnung auf andere als materielle Werte reicht dennoch nicht, um Pflegenotstand zu verhindern, räumt der Leiter des Bildungszentrums ein. Im Wettbewerb um die jungen Leute sind auf Sicht auch höhere Gehälter und attraktivere Arbeitsbedingungen für Gesundheitsberufe nicht zu umgehen: eine Aufgabe für Arbeitgeber, Politik und viele weitere Beteiligte gleichermaßen.

Von Matthias Schuldt

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