Bad Wildungen: Zuwächse bei Ankünften und Übernachtungen 2011

Privatgäste holen Kohlen aus dem Feuer

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Bad Wildungen - Mit den Gäste- und Übernachtungszahlen in Bad Wildungen ist das so eine Sache. Ein Stochern im Nebel des Ungefähren, aus dem sich aber wenigstens Tendenzen ableiten lassen. Und die machen Mut.

Aus Sicht von Marketingchefin Ute Kühlewind und Tourismusexperte­ Reckhard Pfeil haben die offiziellen Statistiken deutliche Schwächen. Das eine Zahlenwerk stammt vom Statistischen Bundesamt. Der Webfehler hier: „Es fließen nur Gastgeberbetriebe mit mehr als acht Betten ein“, erklärt Pfeil. Von kleineren Pensionen gebe es in der Badestadt und ihren Ortsteilen aber immer noch eine Reihe. Deren Gäste und Übernachtungen würden seit 1996 nicht mehr erfasst. Das zweite Zahlenwerk fußt auf den ausgegebenen Kurkarten. „Auch hier existieren Lücken, denn trotz aller damit verbundenen Vorteile erwirbt nicht jeder Gast eine Karte“, sagt Bürgermeister Volker Zimmermann.

Vorbehaltlich dieser Schwächen vermitteln die drei eine­ positive Botschaft. In beiden Statistiken verzeichnet die Bade­stadt bei den Übernachtungen einen leichten Zuwachs und legt bei den Gästen zwischen drei und sechs Prozent zu. Sprich: Es gab mehr Kurzurlauber.Das deckt sich mit einer weiteren Erkenntnis aus dem Kurkartenverkauf: Die Kliniken waren 2011 schwächer ausgelastet als 2010. Der Gesamtzuwachs geht also allein auf Privatgäste zurück. Eine interessante Kräfteverschiebung deutet sich zwischen Bad Wildungen und Reinhardshausen an: Der erfreuliche Zuwachs bei den Privatgästen in Reinhardshausen resultiert quasi ausschließlich aus den Aktivitäten des „Aquavita“-Hotels der Göbel-Gruppe (ehemals Hotel Schwanenteich).

„Rechnet man das heraus, so verlieren die Reinhardshäuser Gastgeber im Vergleich zu den Wildungern“, erklärt Reckhard Pfeil. Weshalb? Die Gastgeber im früheren Görner-Reich hängen möglicherweise zu sehr den alten Zeiten nach und hoffen nach wie vor auf die Begleitpersonen von Klinikpatienten als Stammkunden, vermutet das Stadtmarketing. „Doch das ist vorbei. Die meisten dieser Begleitpersonen übernachten in den Kliniken und das ist auch in Ordnung so“, betont Kühlewind.

Sie schätzt, dass weniger als zwei Prozent dieser Zielgruppe­ noch in Pensionen Quartier beziehen. Dennoch stecke für Gastgeber in diesen Besuchern eine große Chance. „Die Patienten und ihre Angehörigen sagen häufig, dass sie als Urlauber wiederkommen wollen, weil sie während der Reha keine Zeit hatten, sich alles anzuschauen“, berichtet Kühlewind. „Wir erhalten bei den Gäste-Info-Abenden regelmäßig ein sehr positives Echo auf das Angebot und die Schönheit unserer Stadt und der Region“, unterstreicht Pfeil.

Wer diese Chance nutzen wolle, der müsse aber auf Qualität setzen. „Die Zahlen zeigen, dass diejenigen Betriebe Erfolg haben, die an unseren Qualitäts-workshops teilnehmen oder die selbst Ideen in dieser Richtung entwickeln und vermarkten“, sagt die Marketingchefin. Wer nicht mitziehe, verschwinde vom Markt. Von rund 90 Gastgeberbetrieben in der Kurstadt vor etwa acht Jahren seien etwa 60 übrig geblieben. Knapp die Hälfte davon nehme die Fortbildungsangebote des Stadtmarketings regelmäßig wahr. Weiterer Mutmacher für die Überlebenden: Die Zahl der Prospektanfragen steigt weiter, sagt Pfeil.

„Wesentliche Steigerungen sind aber nur zu erwarten, wenn es uns gelingt, ein zusätzliches Hotel mit einer Kapazität von etwa 200 Betten zu etablieren“, unterstreicht Zimmermann. Gerade für Busreisen fehle es an Übernachtungsmöglichkeiten, ergänzt Kühlewind. Zusammengefasst die Daten 2011 – Statistisches Bundesamt (Veränderung zum Vorjahr): 124 000 Gäste (+3,1 Prozent), 1,424 Millionen Übernachtungen (+0,8 Prozent); Kurkartenverkauf: 78 000 Gäste (+6,2 Prozent), 1,325 Millionen Übernachtungen (+0,08 Prozent).

HINTERGRUND

Christel Prüßner aus Hannover hat ihre eigenen Erfahrungen mit der Gastfreundlichkeit Reinhardshäuser Vermieter gemacht. Die Klinikhochburg fällt nach neuen Zahlen bei den Privatgästen in kleineren Häusern gegenüber der Kernstadt von Bad Wildungen zurück (siehe Bericht rechts).„Im Juli war ich für drei Wochen zu einer Anschlussheilbehandlung in Reinhardshausen.

Dabei entdeckte ich ja auch die reizvolle Umgebung des Waldecker Landes“, schreibt die ehemalige Reha-Patientin an die WLZ-FZ. Eigentlich wollte sie mit Begleitung im kommenden September eine Verschnaufpause in Reinhardshausen einlegen anlässlich eines zu erwartenden privaten Umzugsstresses. Daraus wird wohl nichts, bedauert Christel Prüßner. Dreimal fragte sie in zwei Häusern Übernachtungen im unteren Preissegment an und erhielt dieselbe Auskunft: keine Buchung früher möglich als acht Tage vor Anreise. „Lieber auf den dicken Karpfen aus dem Kurteich hoffen und auf den Spatz in der Hand verzichten“, vermutet die Hannoveranerin als Motiv.

Die Konsequenz: Sie meidet Reinhardshausen als Ziel im Herbst, „denn wir reisen mit der Bahn an und brauchen deshalb auch Planungssicherheit“. Marketingchefin Ute Kühlewind bestätigt, das sei kein Einzelfall: „Wir kämpfen in der Tourist-Info regelmäßig mit dem Problem, dass Kurzaufenthalte abgelehnt werden.“ Ein gefährliches Spiel heutzutage, da althergebrachte Mundpropaganda via Internet zu einer großen Welle der Negativwerbung führen kann. (su)

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