Bad Wildungen

Provinz rebellierte – nur Waldeck nicht

- Bad Wildungen (su). Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg, Vietnam, die „sexuelle Revolution“. Wer denkt, die 68er-Bewegung rollte vor 40 Jahren durch Berlin oder Frankfurt, während die Provinz tatenlos und unberührt beobachtete, wie die bundesdeutsche Gesellschaft sich grundlegend zu verändern begann – der irrt.

Das belegen der Wildunger Geschichtslehrer Johannes Grötecke und sein Kollege Thomas Schattner, beide Lehrer am Homberger Gymnasium, in einem neuen Buch: „Der Freiheit jüngstes Kind – ,1968’ in der Provinz, Spurensuche in Nordhessen“. Das Titelbild zeigt einen Kinderwagen, zugepflastert mit Plakaten, auf denen zu lesen steht: „Der Freiheit jüngstes Kind: Die neueste Ausgabe der ‚Laterne‘ ist erhältlich am Kiosk neben der Friedrich-Wilhelm-Schule“.

Die „Laterne“, eine Schülerzeitung in Eschwege; in ihr bündelt sich eine der zentralen Erkenntnisse, die das Autorenduo bei seinen Nachforschungen gewonnen hat. „1968 in der Provinz, das war vor allem eine Schülerbewegung“, sagt Johannes Grötecke. Jugendliche aus sogenanntem guten Hause waren es, die aufbegehrten gegen autoritäre Lehrer und die ganze Kleinstädte in ihrem konservativen Denken öffentlich so sehr provozierten, dass sogar Bild-Zeitung oder Spiegel bundesweit Notiz davon nahmen.

Wer heute als junger Mensch liest, womit die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten zum Teil eine solche Aufregung produzierten, wundert sich und kann erahnen, in was für einem einengenden, die Luft abschnürenden gesellschaftlichen Klima die jungen Menschen damals lebten. In Melsungen an der Geschwister-Scholl-Schule etwa 
kam es 1961 zu einem Eklat während einer Gedenkfeier
 zum Aufstand des 17. Juni in der DDR. Als am Schluss, wie damals üblich, alle im Saal aufstehen und die deutsche Nationalhymne singen sollten, blieben die frisch gebackene Chefredakteurin der Schülerzeitung „Geistesblitz“ und der neue Schulsprecher spontan sitzen und schwiegen. Aus Protest gegen den strammen Antikommunismus jener Zeit.

Alt-Nazis in der Lehrerschaft traktierten die Schüler mit ihren Kriegserlebnissen, hatten sich ereifert über die zwei Jahre zuvor erfolgte Umbenennung der Schule in „Geschwister-Scholl-Schule“, denn sie betrachteten das Geschwisterpaar aus dem Widerstand als „Vaterlandsverräter“. Die Schülerzeitung „Geistesblitz“ befasste sich seinerzeit mit Themen rund um den Eisernen Vorhang, sorgte sich um die innerdeutschen Spannungen, deren Ursachen sie in den diktatorischen Verhältnissen in der DDR, aber auch in der Politik der Bundesrepublik – Stichwort Wiederbewaffnung – ausmachte.

Die spontane Protestaktion bei der Gedenkveranstaltung hatte Folgen für die beiden jungen Hauptakteure: Sie wurden gezwungen, von ihren Positionen zurückzutreten. Der abgelöste Schulsprecher wurde bestraft, indem man ihn nicht in die nächste Jahrgangsstufe versetzte. Die Schülerin wurde noch während der Veranstaltung von Berufsschülern malträtiert, ein Lehrer zerriss ihre Bluse, sie wurde als „Kommunistin“ beschimpft. Auch sie wurde später nicht versetzt und ihr Klassenlehrer legte ihr nahe, die Schule zu verlassen.

Die Autoren stöberten die Rebellen von einst auf, führten mit ihnen Interviews, forsteten alte Ausgaben von Schülerzeitungen durch und beschreiben in ihrem Werk viele Verbindungen der 68er-Bewegung nach Nordhessen – bis hin zu Astrid Proll, einem Gründungsmitglied der Rote-Armee-Fraktion, die als Heimkind unter anderem zeitweise im Ursulinenkloster Fritzlar untergebracht war.

Johannes Grötecke interessiert brennend die Antwort auf eine weitere Frage: „Warum haben wir keine Spuren ähnlicher Aktivitäten in Waldeck-Frankenberg gefunden?“ Anscheinend ging die 68er-Bewegung am Fürstentum Waldeck vorbei, ohne Skandale an den hiesigen Schulen zu verursachen. „Vielleicht sind wir aber auch nur nicht darauf gestoßen“, meint Grötecke. Er hofft, dass sich ehemalige Schüler oder Studenten jener Zeit bei ihm melden und darüber berichten, falls sie sich an solche Vorgänge im heimischen Landkreis erinnern.

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