46-jähriger Wildunger steht wegen Kindesmissbrauchs vor dem Landgericht

Prozessbeginn nach zweieinhalb Jahren

Bad Wildungen / Kassel - Ein 46-jähriger Wildunger muss sich seit Donnerstag vor der sechsten großen Strafkammer des Landgerichts Kassel verantworten, weil er im Sommer 2010 an einem Borkener Badesee eine sexuelle Handlung an einem 12-jährigen Mädchen vorgenommen haben soll, einer gleichaltrigen Freundin seiner Tochter.

Laut Anklageschrift hat er in der Nichtschwimmerzone dem Mädchen von hinten in die Bikinihose gefasst. Das Kind sei sofort aus dem Wasser und zur Toilette gerannt.

Der 46-Jährige bestritt den Vorwurf auf Nachfrage des Gerichts, auch nachdem Vorsitzender Richter Volker Mütze darauf hingewiesen hatte, „dass – wenn an der Sache was dran sein sollte – ein Geständnis erheblich strafmildernde Folgen hat, weil den betroffenen Kindern die Aussage vor Gericht erspart bleibt“. Auf Kindesmissbrauch steht eine Strafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft.

An Einzelheiten erinnerte sich der Angeklagte nach der langen Zeit nicht mehr, aber er habe dem Kind nicht in die Hose gefasst: „Das hätten andere im knietiefen Wasser bemerken müssen.“ Etwa die Tochter, die dabei war, oder die eigene Ehefrau, die am Strand auf einer Decke lag.Die Strafkammer konfrontierte den Angeklagten mit Protokollen von Internet-Chats, denen zufolge der verhandelte Vorfall am Badesee eine Vorgeschichte hat. Sie begann im März 2010 mit einem Anruf des geschädigten Mädchens bei ihrer Freundin, doch es war nur deren Vater, der Angeklagte, zu Hause. Nach Angaben der damals 12-Jährigen habe der Wildunger sie gefragt, ob sie schon Sexualkundeunterricht habe und wisse, was Oralsex bedeute. Als das Mädchen bejahte und der Mann ihr Oralsex anbot, legt es auf. Ihren Eltern vertraute sie sich zu dem

Zeitpunkt noch nicht an.

Der Angeklagte bestritt auch diesen Vorwurf, ebenso wie einen dritten. Bei einer anderen Gelegenheit hielt sich die 12-Jährige, wie häufig in der damaligen Zeit, zur Übernachtung bei ihrer Freundin auf. Deren Vater forderte, als sie sich gerade alleine im Zimmer befand, einen Kuss von dem fremden Kind ein und soll es am Handgelenk gepackt haben. Als die Geschädigte sich weigerte, ließ er sie in Ruhe.

Anders die Version des Angeklagten: „Meine Tochter befand sich im Bad. Ich gab ihr einen Gutenachtkuss, schaute hinüber in ihr Zimmer und fragte ihre Freundin, ob sie auch einen wolle.“ Ausführlich erörterte das Gericht ein Chat-Protokoll – eine spätere Unterhaltung via Internet – zwischen dem Angeklagten und der 12-jährigen Geschädigten. Thema des schriftlichen Gesprächs, das der Angeklagte selbst gesucht hatte, wurde das Telefonat vom März 2010. Der Angeklagte gab zu, dass dieser Chat stattfand.

Die Strafkammer zitierte die aus ihrer Sicht zentralen Sätze: Das Mädchen: „Was sollte das vor ein paar Wochen am Telefon?“ Der Mann: „Das war ein Scherz. Vergiss das einfach.“ Das Mädchen: „Weißt du, dass ich dich dafür hätte anzeigen können?“Der Mann: „Jau, deshalb tut mir der Scherz auch Leid. Ich gelobe Besserung.“

Der Vorsitzende Richter fragte den Angeklagten vor diesem Hintergrund, ob er eine Erklärung habe, weshalb sich die junge Zeugin die geschilderten Vorgänge hätte ausdenken sollen. „Das weiß ich nicht“, antwortete der 46-Jährige. Er könne sich zudem nicht mehr erinnern, um was es im diskutierten Telefonat gegangen sei.

Seine Ehefrau sagte vor Gericht ebenso aus, wie – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – seine heute 15-jährige Tochter. Die Frau hat weder vom Telefonat noch von der Szene mit dem Gutenachtkuss etwas mitbekommen. Am Badesee 2010 konnte sie nach ihrer Erinnerung zwar ihren Mann und die zwei Kinder im Wasser sehen, nahm jedoch weder den behaupteten Übergriff wahr noch das Wegrennen der Freundin ihrer Tochter zur Toilette. Sicher weiß sie, dass die beiden Kinder später auf der Decke der Familie ein Eis aßen.

„Weiß nicht, was mich gebissen hat“

Das Chat-Protokoll kannte sie dagegen, weil die Familie des geschädigten Mädchens es ihr vorgelegt hatte, bevor das Ganze bei der Polizei zur Anzeige kam. Und die Ehefrau wusste Bescheid, dass ihr Mann via Internet eine andere Jugendliche kontaktiert hatte mit „eindeutigen Aussagen“ sexuellen Hintergrunds, wie die Staatsanwaltschaft betonte. Der Angeklagte räumte auch diesen zweiten Vorfall im Internet ein: „Ich weiß nicht, was mich da gebissen hat.“

„Hat ihn angesprungen“

In den übrigen Angelegenheiten glaubt die Wildungerin den Unschuldsbeteuerungen ihres Mannes. Sie schilderte den Geburtstagsabend ihrer Tochter auf dem Wildunger Viehmarkt 2010, als die damals 12-jährige Freundin ebenfalls dabei gewesen sei und von ihrem Mann nach der Gratulation an die Tochter ebenfalls eine Umarmung verlangt habe: „Sie hat ihn angesprungen.“

Die Freundschaft der beiden Mädchen ist in die Brüche gegangen. Die Ehefrau des Angeklagten schilderte, wie sie und ihre Kinder immer wieder auf das Verfahren angesprochen würden. Der Verteidiger verwies darauf, dass die geschädigte Jugendliche, deren Aussage den Prozess in Gang brachte, inzwischen die Schule gewechselt habe. Sie sei der Kritik von Mitschülerinnen ausgesetzt gewesen, weil sie bei anderen Themen als dem vor Gericht verhandelten gelogen habe. Zweifel versuchte der Rechtsanwalt bezüglich der Aussagekraft der Chat-Protokolle zu säen: „Der Text wurde von ICQ nach Word kopiert. Er ist also eine Sekundärquelle und könnte verändert worden sein.“

Der Prozess geht Montag weiter. Dann sagen das geschädigte Mädchen und eine Psychologin aus. Sie stellt ein Gutachten zur Glaubwürdigkeit der heute 15-Jährigen.(su)

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