Staatsanwaltschaft und Verteidigung plädieren im Missbrauchs-Prozess

Psychologin: Vorwürfe glaubhaft

Bad Wildungen / Kassel. - „Mama, ich muss dir was erzählen.“ Wachsbleich habe ihre Tochter am späten Abend plötzlich im Elternschlafzimmer gestanden und sei zusammengebrochen.

Am zweiten Verhandlungstag, am Montag, erinnerte sich im Zeugenstand die Mutter des damals zwölfjährigen Kindes an den Moment, als das Mädchen sich nach sechs Monaten ihrer Familie offenbarte und erzählte, wie der angeklagte, heute 46-jährige Wildunger ihr an der Stockelache in die Bikinihose gegriffen, wie er sie am Telefon und über Chat-Foren mit Worten bedrängt hatte.

„Und ich habe noch gefragt, was sie gemacht hätte“, berichtete die Mutter, die 2010 zunächst glaubte, ihr Kind wolle etwas beichten, um dann aus den Schilderungen zu erfahren, dass ihre Tochter Ziel eines Missbrauchs geworden war: „Ich dachte, so was passiert nur anderen.“ Dann zeigte das Mädchen seinen Eltern den Schriftverkehr aus dem Chatroom, das Internetgespräch mit dem Angeklagten.

Nicht allein deshalb ist sich die Mutter ganz sicher, dass ihr heute 15 Jahre altes Kind die Wahrheit sagt. „Bevor ich in so einem Fall zur Polizei gehe, muss ich ganz sicher sein“, fügte sie hinzu, denn gerade auf dem Land habe eine solche Anklage drastische Folgen. „Aber es gab ja noch drei weitere Vorfälle, die Jahre zurückliegen“, sagte sie aus. Die Familie habe Kontakt zu den betreffenden, inzwischen jungen Frauen aufgenommen, die jedoch nicht bei der Polizei und vor Gericht an die Kindheits- und Jugenderfahrungen mit dem Angeklagten rühren wollten.

Allerdings erstattete die Familie gemeinsam mit den Eltern eines weiteren Mädchens Anzeige, das ebenfalls 2010 vom Angeklagten über ein Chatforum in eindeutiger Form angegangen wurde (so nannte er sie „Süße“, wie das Gericht aus dem Internetprotokoll gestern zitierte). Diese heute 17-jährige Jugendliche sagte ebenfalls vor Gericht aus. Sie habe die Tragweite ihrer eigenen Internet-Korrespondenz mit dem Angeklagten erst erkannt, als ihre Freundin ihr unter Tränen von ihrem Erlebnis an der Stockelache berichtete und von dem Oralsex-Angebot am Telefon.

Die damals zwölfjährige Geschädigte sprach nicht nur in diesem einen Fall mit Freundinnen über ihre traumatischen Erlebnisse, brach dabei in Tränen aus und redete von Angst. Mehrere Mädchen aus der damaligen Clique traten gestern als Zeuginnen vor Gericht auf und allen berichtete das Kind 2010 dasselbe. Alle rieten ihrer Freundin damals, das Ganze ihren Eltern zu erzählen, was sie schließlich tat.

Sie selbst musste gestern ebenfalls in den Zeugenstand treten - unter Ausschluss der Öffentlichkeit - doch vor und nach der Aussage war ihr vor dem Gerichtssaal anzusehen, wie schwer ihr das trotz Begleitung durch Zeugenbetreuerinnen und Eltern fiel. Exakt das ist der Grund, weshalb das Gesetz große Straferleichterungenfür Angeklagte ermöglicht, die Kindesmissbrauch eingestehen und den Opfern das gedankliche Noch-mal-Durchleben des Erlittenen vor Gericht ersparen.Als letzte sagte gestern die Sachverständige aus, die der sechsten Strafkammer mitteilen sollte, ob sie die Aussagen der heute 15-Jährigen über die Ereignisse an der Stockelache und die weiteren Vorfälle als glaubhaft ansieht.

Die Gerichtspsychologin aus Hövelhof ließ auch auf Nachhaken der Verteidigung keinen Zweifel: Sie hält die junge Zeugin für uneingeschränkt glaubwürdig. Es handele sich um echte Erlebnisse. Die Jugendliche zeige auch keine Tendenz, den Angeklagten zusätzlich zu belasten, etwa indem sie die Vorwürfe verschärft habe. So berichte sie seit damals durchgängig, dass der Angeklagte zwar Küsse eingefordert, aber nie mit Gewalt erzwungen und auch nicht erhalten habe.

Heute geht der Prozess mit den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung weiter.(su)

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