Besitzer von mehr als 150 Messerschmitt-Kabinenrollern geben sich am Edersee ein Stelldichein

Das „Räng-täng-täng“ wieder hören

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Edertal - „Ich wollte das ‚Räng-täng-täng‘ mal wieder hören...“ Den Motor eines „KaRo“, eines Kabinenrollers, meint der Berliner Siegfried Renner damit und erzählt auf diese Weise, wie er vor fünf Jahren den Weg in den Messerschmitt Club Deutschland fand.

Mehr als 150 Mitglieder des Clubs halten sich seit Donnerstag mitsamt ihren Gefährten am Edersee auf. Sie starten vom Quartier auf dem Campingplatz Edertaler Hof zu Rundfahrten und erregen bei ihrer Premiere in der Region eine Menge Aufsehen. Blaugraue, durchdringend riechende Abgaswolken hängen minutenlang über der Straße, wenn der Lindwurm der kleinen, dreirädrigen Knatterkisten mit dem vielstimmigen „Räng-täng-täng“ den Betrachter längst passiert hat.

18 Stunden bis Versailles

Ein Gruß aus einer fernen Zeit, als die Motorisierung der jungen Bundesrepublik gerade einsetzte. Der Berliner Siegfried Renner fuhr in den 1960er Jahren vier Sommer und vier Winter lang einen Messerschmitt-Kabinenroller. „Mein Schwager hatte ihn mir geschenkt und obwohl es eigentlich ein Roller ist, war der KaRo für mich ein Auto“, erinnert er sich, fragt sich allerdings heute, „wie ich mich damals damit durch den Schnee gekämpft habe“. An einem 22. Dezember machte er sich seinerzeit mit dem Vehikelchen von Berlin auf den Weg nach Versailles. 18 Stunden ohne längere Pause, „dann war ich da“.Im Kabinenroller fuhr er mit seiner Braut zum Standesamt: „Wir verspäteten uns wegen Blitzeis, aber geheiratet haben wir doch.“

Urlaube blieben im Gedächtnis.

Während einer Reise absolvierten Renner und seine Frau damals 5000 Kilometer mit dem Messerschmitt. Spitzengeschwindigkeit: 80 Kilometer. „Der Tacho zeigte aber 100 an.“ Einen Teil der Fahrersitzlehne konnte man entfernen. Das schuf Raum für einen Koffer, der so neben den beiden Passagieren Platz fand, die im Roller grundsätzlich hintereinander sitzen. Ein zweiter Koffer wurde häufig hinten auf dem Fahrzeug befestigt.

1000 Mark billiger als Käfer

Für so etwas müssten Urlauber heute bei einer Event-Agentur Abenteueraufschlag zahlen. Auch wer sich heute einen solchen Oldtimer zulegen möchte, muss tief in die Tasche greifen. Kostete er damals etwa 2700 D-Mark – 1000 Mark weniger als ein Käfer – schlägt ein Roller heute schnell mit 10 000 bis 20 000 Euro zu Buche, selbst in arg angegriffenem Zustand.

Siegfried Renner investierte 18 000 Euro und manchen Euro mehr in Ersatzteile. Sie zu beschaffen ist beim KaRo eine Wissenschaft für sich, erläutert er: „Der Erfinder Fritz Fend, der das Fahrzeug komplett selbst entwickelt hat, änderte quasi alle 14 Tage etwas.“ Beim einen Modell saß der Blinker beispielsweise auf dem Kotflügel, beim nächsten hinten an der Seite der Karosserie. „Wer ein Ersatzteil braucht, muss es unter Angabe der Fahrgestellnummer aufspüren“, berichtet Renner, wobei der Messerschmitt Club Deutschland in diesem Punkt sehr gut ausgestattet sei.

Im Inneren wird’s laut

Der Berliner wundert sich selbst aus heutiger Sicht, wie zufrieden die Besitzer der Roller vor mehr als 50 Jahren waren, was wohl in erster Linie an der großen Zuverlässigkeit des Gefährtes lag: „Im Inneren ist es während der Fahrt so laut, dass ich die erste Zeit mit meinem neuen, alten KaRo Ohro-Pax benutzte. Inzwischen bin ich wieder daran gewöhnt“, fügt Renner hinzu.

Der KaRo lebt

Wenn er erzählt, kommt man nicht um den Eindruck herum, dass ein solcher KaRo viel mehr darstellt, als ein Stück historischer Technik. „Der spürt, auf was für einem Straßenuntergrund er unterwegs ist“, ist Renner überzeugt. Auf einer schön asphaltierten deutschen Autobahn fahre sein Roller gleich schneller, als auf der holprigen Landstraße: „95 Stundenkilometer, da konnte ich sogar Lkw überholen!“

Gleichwohl macht kaum der Rausch der Geschwindigkeit die Faszination dieser speziellen Oldtimer aus. Wer selbst von dem besonderen Gefühl etwas erschnuppern will: Heute um 10 Uhr starten die mehr als 150 Messerschmitts in Affoldern zur letzten Ausfahrt ihres Treffens 2013. Ziel ist das Nationalparkhaus in Vöhl.

Wer weiß, vielleicht sind die Kabinenroller bald häufiger in der Region zu sehen. „Eigentlich sind wir auf der Suche nach einem festen Standort für’s jährliche Treffen. Mir gefällt es am Edersee: Herzzerreißend schön mit den dichten Wäldern“, sagt der Hauptstädter.

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