Kriegsverherrlichende Schrift des Wildunger Ex-Bürgermeisters Rodemer von 1941

„Säubernd marschieren“ Deutsche

Bad Wildungen - Als die deutsche Wehrmacht am 6. April 1941 nach dem Balkanfeldzug Griechenland überfiel und dabei die „Metaxas-Linie“ der Griechen im Norden des Landes überwand, war als „Wortberichter“ aus Hitlers Propaganda-Ministerium Heinrich Rodemer, späterer Bürgermeister von Bad Wildungen von 1960 bis 1970, dabei.

Unter dem Titel „Gebirgsjäger in Griechenland“ verfasste er für die „Kriegsbücherei der deutschen Jugend“ eine Schilderung dieser Ereignisse, in flottem Ton geschrieben, ideologisch regimetreu und kriegsverherrlichend, damals zu haben für 20 Pfennige.

Als der Hessische Landtag vor einigen Jahren mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit von ehemaligen Landtagsabgeordneten begann, zeigte sich, dass wie bei vielen anderen auch die frühe NSDAP-Mitgliedschaft des FDP-Landtagsabgeordneten Heinrich Rodemer seit 1. August 1932, seine Mitarbeit im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda sowie später im Stab des Pressechefs im Führerhauptquartier in keiner veröffentlichten Biografie aufgetaucht war.

Weder in Ludwig Luckemeyers Buch „Liberales Waldeck-Frankenberg“, das Rodemers kommunalpolitische Leistung für Bad Wildungen ausführlich lobt, noch auf der offiziellen Homepage der FDP-Landtagsfraktion bis heute wird die Rolle des PK-Manns Rodemer im Nationalsozialismus erwähnt.

Der Historiker Hans-Peter Klausch bildet in seinem Buch „Braunes Erbe - NS-Vergangenheit hessischer Landtagsabgeordneter 1946-1987“ das Titelblatt des in Berlin erschienenen Heftes für die „deutsche Jugend“ ab.

Darin beschreibt der Propagandist Rodemer vor allem die Kämpfe gegen die den Griechen zu Hilfe gekommenen britischen Soldaten, die „Tommys“: „Unaufhaltsam drängen unsere Gebirgstruppen nach Süden. Sie haben die historische Völkerstraße erreicht, die sich zwischen dem Ägäischen Meer und dem Olymp dahinschlängelt… Und heute marschieren auf dieser Straße die Divisionen des Großdeutschen Reiches, nicht erobernd, sondern säubernd. Und schon flieht der Feind aus diesem Lande, das er - wie viele andere - ins Unglück stürzte und nun im Stiche lässt.“

Deutsche Gräueltaten in Griechenland nicht erwähnt

Während die englischen Soldaten gefangen genommen werden, lobt PK-Mann Rodemer den „beispiellosen Großmut der deutschen Wehrmacht“, die die griechischen Gegner laufen lässt. Erwartungsgemäß ist in der offiziellen NS-Jugendlektüre nichts von all dem zu lesen, was die neuere Geschichtsforschung über die Gräueltaten der Gebirgsjäger an der Zivilbevölkerung ermittelt hat und was im Zusammenhang mit der aktuellen Griechenland-Krise plötzlich wieder zum Thema wurde.

Heinrich Rodemer (1908-1980) studierte Jura, Volkswirtschaft und Geschichte, arbeitete von 1934 bis 1940 als Redakteur und hatte bis 1945 wichtige NS-Propagandafunktionen inne. Nach einer kaufmännischen Tätigkeit war er von 1949 bis 1959 Chefredakteur des „Deutschen Kuriers“ der FDP. Er gehörte von 1954 bis 1970 der FDP-Fraktion im Hessischen Landtag an und amtierte von 1960 bis 1970 als Bürgermeister von Bad Wildungen. Dort erhielt er 1968 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Hintergrund

Auf Anregung des fraktionslosen Stadtverordneten Jürgen Graul in der Juli-Sitzung des Parlamentes will Bürgermeister Volker Zimmermann zur Rolle Rodemers in der NS-Zeit recherchieren und die Ergebnisse den Stadtverordneten vorstellen. Es ist nicht die erste Diskussion in der Wildunger Kommunalpolitik über die Aktivitäten eines ehemaligen Wildunger Bürgermeisters im Dritten Reich. Rudi Sempf, eingesetzter Rathauschef während der NS-Zeit, wurde aus der fotografischen Ahnengalerie des Rathauses 2001 entfernt. 2013 nahm sein Porträt den verwaisten Platz an der Wand des kleinen Sitzungssaal wieder ein, allerdings versehen mit erläuternden Informationen. Der Magistrat verfolgte damit die Linie, über das Unheil zu sprechen, statt es zu verschweigen. (su)

Von Karl-Hermann Völker

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