Viele Interessierte sammeln Erfahrungen

Scharnier am eigenen Leib anders erlebt

Bad Wildungen - Barrierefreiheit im Wildunger Scharnier: Mit diesem Thema beteiligte sich das Bauamt am bundesweiten „Tag der Städtebauförderung“. Mit allen Sinnen und hautnah erfuhren viele Neugierige, was Stadtplanung bewirken kann - oder auch nicht kann.

„Den Begriff ‚Barrierefreiheit‘ würde ich am liebsten streichen“, räumt Robert Hilligus vom Bauamt ein, „denn unser Ziel ist es, das Scharnier und die übrige Stadt für alle komfortabel zu gestalten.“

Gemeinsam mit Akteuren des Wildunger Gesundheitswesens sensibilisierte das Bauamt das Publikum für die Bedürfnisse von Rolli-Fahrern, Sehbehinderten oder Senioren mit altersbedingten Einschränkungen. Die Interessierten konnten versuchen, im Rollstuhl eine Kante zu bewältigen. Sie probierten, sich mit verbundenen Augen und der Hilfe eines Taststocks zu orientieren, oder ließen sich einen Spezialanzug anlegen, der Alterserscheinungen simulierte wie schwindende Kraft und geringere Beweglichkeit oder abnehmende Sinnesleistungen.

Beim Umbau des Scharniers versuchten Planer und Stadtverwaltung laut Robert Hilligus, die Belange solcher Gruppen miteinander zu vereinen und dabei eine Zone zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen, auch die Jüngsten und Fittesten.

Die Bauamtsmitarbeiter besuchten vor der Planung einschlägige Fortbildungen, zogen Vertreter von Menschen mit Behinderungen und andere Experten zu Rate. „Letztlich mussten wir selbst den Weg und manchmal Kompromisse suchen, weil wir die Verhältnisse in der Stadt besser kennen als ein Planer von außerhalb“, schildert Hilligus.

Obwohl viel geschah, um Barrierefreiheit im Scharnier zu erreichen, machen Schwachstellen vielen zu schaffen. „Die Klopfkante für den Taststock führt auf dem Postplatz geradewegs auf die Sitzbänke zu“, nennt eine Wildungerin als Beispiel. Sie hat nach und nach ihre Sehkraft verloren. „Rücksichtnahme im Alltag ist keine Selbstverständlichkeit, gerade wenn die Menschen unter Zeitdruck stehen“, berichtet sie aus Erfahrung. Sie sieht gute Ansätze im Handeln der Stadt, wünscht sich aber ein intensiveres Einbeziehen von Fachleuten wie Mobil-Trainern. Sie könnten effektiv Tipps geben, weil sie darauf spezialisiert sind, mit Blinden das Orientieren in einer Welt der Sehenden zu üben.

Verletzt an Verkehrsschildern in Kopfhöhe

Vermeintliche Kleinigkeiten zählen, sagt sie. „Verkehrsschilder zum Beispiel an Baustellen sind oft genau in Kopfhöhe angebracht. Ich habe schon Narben davongetragen“, erklärt sie in Richtung Bauhof.

Robert Hilligus hat Verständnis. Die Stadt arbeite an einer Broschüre zum Thema, die auf solche Probleme aufmerksam machen soll. Allerdings erscheint es unmöglich, die perfekte Lösung zu finden. Die Bedürfnisse von Rolli-Fahrern und Sehbehinderten kollidierten beispielsweise manchmal. Für den Taststock bedarf es einer Klopfkante, der Rolli-Fahrer braucht möglichst wenige Kanten auf seiner Strecke. Wo genug Platz ist, könne man beides verwirklichen, bei zu wenig Raum bilde eine recht flache Kante den Kompromiss. „Außerdem ändern sich die Vorschriften und Empfehlungen ständig. Im Planungsprozess haben wir uns irgendwann für eine Variante entschieden, damit die Zeichen und Mittel in der gesamten Stadt die gleichen sind“, erklärt Hilligus.

Wer weiß, wohin die Entwicklung geht: Im Gespräch mit Hilligus berichtete ein junger Informationstechniker von Ansätzen für Smartphone-Apps, die beispielsweise Blinden ermöglichen, sich ohne Einführung in fremder Umgebung zurechtzufinden.

Von Matthias Schuldt

Mehr lesen Sie in der gedruckten Dienstagausgabe oder im E-Paper.

Kommentare