Medizintourismus auf Kosten ausländischer Patienten: Wicker-Gruppe wehrt sich gegen Vorwürfe

Im Schatten dubioser Vermittler

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Die 1978 eröffnete Wicker-Klinik in Reinhardshausen hat internationalen Ruf. Vor allem aus dem arabischen Kulturkreis reisen Patienten in die orthopädische Schwerpunktklinik an.

Bad Wildungen - Medizintouristen bringen deutschen Krankenhäusern Umsatz. Am Milliardengeschäft mit der Gesundheit verdienen auch dubiose Vermittlungsagenturen kräftig mit. Eine große deutsche Zeitung bringt Geschäfte mit einem Patientenvermittler in die Schlagzeilen, der vier Jahre für die Werner-Wicker-Gruppe tätig war.

Über 200 000 ausländische Patienten kamen 2013 nach Deutschland. Sie bescherten den Kliniken mindestens eine Milliarde Euro Umsatz. An ihnen verdienten nicht nur Kliniken, sondern geschätzte 1500 Patientenvermittler.

Die Zeitung „Die Welt“ deckt in einer Recherche die Geschäfte einer Firma aus Worms auf, die unter dem Namen „Naturheilzentrum“ (NHZ) ein Rundum-Paket für die Organisation des Patienten-Aufenthalts in Deutschland anbietet - vom Dolmetscher über Unterbringung von Angehörigen bis hin zu Fahrten in die Kliniken.

Jährlich 150 bis 300 Patienten

Geschildert wird der Fall eines Patienten aus Libyen, der zwei Monate ohne seinen Pass in einem Hotel ausharrt, auf einen Anruf wartet und dann erst in eine Klinik nach Bad Wildungen gebracht wird. 100 000 Euro sollen von der libyschen Regierung auf das Konto des Naturheilzentrums, „Partner of Wicker Group Germany“, geflossen sein, das als Vermittler agierte. Der zweiwöchige Klinikaufenthalt samt Rückenoperation soll aber nach Angaben von Experten allerhöchstens 25 000 Euro gekostet haben. Wo der Rest blieb, ist unklar.

Das sei kein Einzelfall, heißt es in der Recherche bei der „Welt“. Seit Dezember ermittele die Staatsanwaltschaft gegen das NHZ. Das Brisante daran: Die Wicker-Gruppe arbeitet seit Dezember 2009 mit dem Unternehmen zusammen. Die Reinhardshäuser Klinik hat 2013 rund sechs Prozent ihres Umsatzes mit NHZ-Patienten erzielt, die Klinik in Bad Homburg fast zwölf.

Hellhörig, dass irgendetwas nicht stimmt mit dem NHZ, wurde das Klinikunternehmen im Dezember 2013, beteuerte der Geschäftsführer der Unternehmensgruppe, Dr. Karl-Heinz Vornholt. Da hatte die Zeitung für die Recherche angeklopft. Die Klinik habe umgehend reagiert. Noch im selben Monat sei der Vertrag „fristgemäß gekündigt worden und läuft zum 30. Juni 2014 aus“. Darin steht, dass das NHZ der Klinik jährlich 150 bis 300 Patienten bringt. Prämie sei dafür nicht geflossen, versichert der Unternehmenssprecher. „Keine Klinik der Wicker-Gruppe hat jemals Vermittlungsprovisionen oder ähnliche Vergütungen an das NHZ gezahlt.“

Seit 1978 Patienten aus arabischen Staaten

Christina Wicker, Leiterin Projektmanagement in der Geschäftsleitung: „Wir vermuten, dass Geld von den Botschaften geflossen ist.“ Abgerechnet worden seien in dem Akutkrankenhaus die geltenden Tarife nach den Gesetzen des Krankenhausfinanzierungsrechts. Seit Dezember gelte Aufnahmestopp für NHZ-Patienten, nur laufende Behandlungen wurden fortgeführt, ergänzte Andreas Bürling, Assistent der Geschäftsleitung. Der Mietvertrag der drei Büroräume in der Klinik wurde dem NHZ zum Ende des Monats Februar gekündigt. Da sie jedoch noch nicht geräumt wurden, gehe die Klinik anwaltlich dagegen vor.

Die orthopädische Schwerpunktklinik hat seit ihrer Eröffnung 1978 eine lange Tradition bei der Behandlung ausländischer Patienten, vor allem aus den Golfanrainerstaaten und den arabischen Mittelmeerstaaten. Kriegsverletzte im Bereich Wirbelsäule mit und ohne Querschnittslähmung sowie Kriegsversehrte aus dem Iran und dem Irak während des ersten Golfkriegs (1980 bis 1988) wurden behandelt. „Wir sind nicht jetzt erst auf einen Gesundheitstourismuszug aufgesprungen“, stellt Vornholt klar.

Forderungen: 5,5 Millionen Euro

Bis zur Kooperation mit dem NHZ erfolgte die Patientenzuweisung über die Gesundheitsabteilungen der Konsulate und Botschaften. Werbung war nicht nötig. Die Klinik wurde „von den zuständigen Institutionen um qualifizierte Behandlung ihrer Bürger gebeten“, sagte Vornholt. Insbesondere mit dem Volksbüro Libyens bestand eine intensive Kooperation. Die Bemühungen um eine verstärkte Akquise ausländischer Patienten gehen auch auf eine Initiative der Landesregierung 2001 zurück, die für den Medizinstandort Hessen warb.

Nach Ende der Zusammenarbeit mit NHZ ist die Wicker-Gruppe gegenüber dem Wormser Vermittler bislang auf Forderungen in Höhe von insgesamt 5,5 Millionen Euro sitzengeblieben, davon über 4 Millionen in der Reinhardshäuser Klinik.

Der Fall eines anderen Libyers, der über die NHZ nach Reinhardshausen kam, endet vor Gericht. Nach Recherchen der „Welt am Sonntag“ soll ein Chefarzt der WWK den Kriegsverletzten operiert haben, obwohl Klinik-Ärzte ihm versicherten, ihr Haus habe keinen Fachmann für einen solchen Eingriff. „Wir haben vorsorglich unseren Haftpflichtversicherer informiert“, teilte Vornholt mit. Alle medizinischen Unterlagen seien zur Prüfung weitergeleitet worden.

Vornholt betont nachdrücklich, dass entgegen der Berichterstattung in der „Welt“ kein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren gegen die Wicker-Gruppe laufe. Täglich werde in den Kliniken der WWK hochprofessionelle Arbeit geleistet, bekräftigt Christina Wicker: „Und zwar unabhängig davon, ob es sich um Patienten aus dem In- oder Ausland handelt.“

Hintergrund

Seit 2009 wurden insgesamt 486 vom Naturheilzentrum vermittelte ausländische Patienten in der Wicker-Klinik-Gruppe behandelt, davon 233 in Reinhardshausen, 223 in Bad Homburg und 30 in der Bad Wildunger Klinik am Homberg. Am WWK-Sitz in Reinhardshausen beschäftigt das Unternehmen 850 Mitarbeiter. Der Gesamtumsatz im Jahr 2013 betrug 56,26 Millionen Euro. Die Wicker-Gruppe umfasst unter privater Trägerschaft elf Rehabilitationskliniken und zwei Akut-Krankenhäuser in Hessen, NRW und Thüringen. Von diesen verfügen drei über Krankenhausabteilungen. Ebenfalls zur Wicker-Gruppe gehören die beiden Thermen, die Kurhessen Therme in Kassel-Bad Wilhelmshöhe und die Taunus Therme in Bad Homburg, sowie das Kurhotel „Hochsauerland 2010“ in Willingen.(höh)

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