Bad Wildungen: Stadt und Diakonie befürchten Verschwinden freier Hebammen

Schlag gegen werdende und junge Eltern

Bad Wildungen - „Bekommt mehr Kinder!“ Das rufen die deutschen Regierungen seit Jahrzehnten jungen Menschen zu. „Aber seht zu, wie Ihr alleine dabei zurecht kommt“, müssten die Verantwortlichen der Klarheit halber als zweiten Ruf hinterher schicken. Denn wenn nichts geschieht, verschwinden sie: die freiberuflichen Hebammen.

Eine Horrorvorstellung für ländliche Regionen wie den Raum Bad Wildungen. Deshalb schlagen sie gemeinsam Alarm: Bürgermeister Volker Zimmermann, Diakonie-Pfarrer Klaus Fackiner, Christiane Scheffler von der Diakonischen Beratungsstelle, Sozialamtschefin Renate Hinse und die heimischen Hebammen.

Die bundesweite, aktuelle Diskussion um die Haftpflichtversicherung für freiberufliche Hebammen hat die Badestadt erreicht. Findet sich keine neue Regelung, existiert ab Mitte 2016 keine Versicherung mehr. „Ohne Versicherung dürfen und können wir freiberuflich nicht weiterarbeiten“, erklärt Hebamme Marie Runde.

Ein Schlag ins Kontor für die Badestadt, deren Stadtklinik keine geburtshilfliche Abteilung unterhält. Seit Jahren müssen Schwangere ans Fritzlarer Hospital ausweichen.

Selbst das scheint aber nicht mehr gesichert, „weil die Hebammen an der Fritzlarer Klinik ebenfalls freiberuflich tätig sind“, erklärt Hebamme Edith Zwiorek. Sie und ihre Kolleginnen erwarten vor diesem Hintergrund eine extreme Zentralisierung der Geburtshilfe, so dass am Ende nur die Geburtsstationen in Kassel und Frankenberg übrig bleiben könnten.

Was für lange Wege für werdende Eltern: Wege, die Zeit und Geld fressen und die besonders Familien mit geringen Finanzmitteln treffen.

„Viele alleinerziehende Mütter sind arm. Hartz IV bezahlt keine Fahrtkosten. Wie soll das funktionieren?“, fragt Christiane Scheffler.

Mindestens ebenso wichtig aber ist das spezielle Vertrauensverhältnis, dass freie Hebammen zu den jungen Müttern im Rahmen der Geburtsvorbereitung und der Nachsorge aufbauen und pflegen. Sie geben Tipps und unterstützen im Umgang mit den Neugeborenen. „Man kann sie auch nach dieser Zeit anrufen, wenn man mal einen Rat braucht“, fügt Scheffler hinzu.

Volker Zimmermann weiß aus eigener Erfahrung, wie sich das anfühlt: „Die Hebammen waren bei allen unseren vier Kindern bis weit nach der Geburt eine wertvolle Hilfe.“

Alles was die heimischen Hebammen, die Diakonie und die Stadt gemeinsam unter dem Stichwort „Hallo Baby“ im Wildunger Mehrgenerationenhaus aufgebaut haben, um gute Rahmenbedingungen für junge Familien von Beginn an zu schaffen, geht den Bach hinunter, wenn die freien Hebammen nicht weitermachen können: der Elterntreff, die Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse, die Hebammensprechstunde für Eltern von Kindern zwischen einem und drei Jahren.

Anonyme Großkliniken statt wohnortnaher Hilfe

An die Stelle all dieser wohnortnahen Angebote träte die Anonymität weit entfernt gelegener, großer Einheiten der Geburtshilfe an Großkliniken, fürchten die Beteiligten in Bad Wildungen.

Damit nicht genug, würden die freien Hebammen als Unterstützung für die Jugendämter wegfallen. „Frühe Hilfen“ heißt ein Programm, das bundesweit eingerichtet wurde, um die berühmt-berüchtigten Fälle von vernachlässigten Kleinkindern zu reduzieren.

Hebammen besuchen vorbeugend und auf Wunsch Familien, die sich überfordert fühlen oder sich in einer komplizierten Situation befinden. „Das fängt an bei einer Wochenbettdepression, die jede junge Mutter treffen kann“, erklärt Marie Runde.

Ohne Haftpflichtversicherung dürfen sie und ihre Kolleginnen keine einzige all dieser Tätigkeiten mehr ausüben – es geht um viel mehr als die reine Geburtshilfe.

Deshalb beteiligen sich viele Wildunger und Edertaler an einer bundesweiten Unterschriftenaktion, die sich an Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe richtet und eine dauerhafte Lösung des Haftpflichtproblems fordert.

„Wir haben schon mehr als 640 Unterschriften zusammen“, vermeldet Christiane Scheffler. Das Sammeln geht weiter. (su)

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