„Stadt-Lesen“ aus 3000 Titeln vom 28. bis 31. Mai auf dem Postplatz

Schmökern unter freiem Himmel

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Lesen als Spektakel unter freiem Himmel – auf Stühlen oder ganz bequem im Sitzsack – dazu lädt die Veranstaltung „Stadt-Lesen“ ein. Ute Kühlewind und Bernhard Schäfer (vorn) werben für den Literatur-Genuss auf dem Postplatz.Foto: Schuldt

Bad Wildungen - Lesen als Spektakel, als öffentlich gelebter Genuss. Unter 3000 Titeln auswählen, sich in einen überdimensionalen Sitz-Sack flezen und schmökern, all das unter freiem Himmel, von morgens bis zum Anbruch der Dunkelheit, mitten auf dem Wildunger Postplatz: Das ist „StadtLesen“ vom 28. bis zum 31. Mai.

Das Konzept existiert seit sieben Jahren. Das österreichische Unternehmen „Innovationswerkstatt“ hat es entwickelt und tourt unter Schirmherrschaft der Unesco mit dem Open-air-Lesewohnzimmer durch deutschsprachige Städte. „Nicht jede kommt dafür in Frage und es ist ungewöhnlich, dass so eine kleine Stadt wie Bad Wildungen den Zuschlag erhält“, erklärt Bernhard Schäfer vom „Buchland“ und fügt hinzu: „Wir haben mit unserem Engagement für Literatur und Kultur überzeugt.“ So steht der Kurort 2015 in einer Reihe mit klangvollen Namen wie Meran, Freiburg, Innsbruck, Wien, Graz, Frankfurt oder München.

Den Anstoß gaben die sechs Serviceclubs der Region, die sich nicht zuletzt das Fördern der Bildung auf die Fahnen geschrieben haben. Sie baten Bernhard Schäfer, eine gemeinsame Veranstaltung zum Thema Lesen als der wichtigsten Säule jeder Bildung zu organisieren. Schäfers Idee, StadtLesen zu engagieren, fiel auf fruchtbaren Boden. Rotary Bad Wildungen, die Wildunger Soroptimistinnen, Lions Bad Wildungen-Fritzlar, Inner Wheel Bad Wildungen-Fritzlar und Kiwanis Brüder Grimm Fritzlar finanzieren den Großteil des Projekts. Die Stadt Bad Wildungen, der Landkreis, die Sparkasse, der Wildunger Ärzteverein und die Volkshochschule liefern weitere Unterstützung.

„Anfangs war ich skeptisch, denn für dieses Ereignis braucht man eine Innenstadt mit großem Publikumsverkehr“, räumt Karin Barthel (Soroptimist International) ein. Doch in Bad Wildungen setzt die Veranstaltung Schwerpunkte an den vier Tagen: Familien werden gesondert eingeladen, Flüchtlinge können in Deutsch oder in der eigenen Sprache lesen. Die Schulen wurden angeschrieben. Dieser Ansatz soll immer ausreichend Lesehungrige anlocken.

„Für Flüchtlinge bietet das eine Möglichkeit, sich mit der neuen Kultur vertrauter zu machen und in dieser Form gelingt es bestimmt, sich bei Kindern und Jugendlichen mit Büchern gegen die elektronische Konkurrenz von Handys und I-Pads durchzusetzen“, meint Jürgen Trumpp vom Sparkassen-Vorstand.

Dr. Rüdiger Lorenz vom Ärzteverein weiß aus seiner Jahrzehnte langen Praxis als Kinderarzt, „dass fehlende Lesekompetenz die Ursache vieler Probleme bei Kindern und Jugendlichen darstellt.“ Persönlich hat er im Ruhestand, der ihm viel mehr Zeit zum Lesen beschert, die Erfahrung gemacht, dass ihn Romane mit dem Herzen Dinge verstehen lassen, die er früher vergeblich über den Kopf versucht hat zu ergründen. Alle Beteiligten setzen darauf, dass die Menschen im Wildunger Lese-Wohnzimmer durch die Bücher ins Gespräch miteinander ins Gespräch kommen.

Programm der vier Lesetage

Donnerstag, 28. Mai: 9 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit, Schmökern in 3000 Büchern.

Freitag, 29. Mai: 9 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit, Integrationslesetag. Einwandere werden eingeladen, in ihrer Muttersprache selbst verfasste Texte zu präsentieren.

Samstag, 30. Mai: 9 Uhr bis Einbruch der Dunkelheit, Schmökern in 3000 Büchern. Ab 19.30 Uhr liest Lea Singer aus ihrem Roman „Anatomie der Wolken“. Darin lässt sie Johann Wolfgang von Goethe und Caspar David Friedrich sich begegnen, fasziniert von derselben Frau. Lea Singer ist das Pseudonym, unter dem Eva Gesine Baur Romane veröffentlicht. Unter ihrem tatsächlichen Namen wurde sie bekannt durch Biografien und andere Sachbücher, etwa zu kunsthistorischen Themen.

Sonntag, 31. Mai: Familienlesetag von 9 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit. In den Büchertürmen sind verstärkt Kinder- und Jugendbücher zu finden. Eltern sind eingeladen vorzulesen. Der Eintritt ins Lesewohnzimmer und zur Lesung von Lea Singer ist frei. Samstag und Sonntag ist die Straße bis hinunter zum Stadtring für das Ereignis gesperrt. Bei Dauerregen wird die Veranstaltung in die Wildunger Wandelhalle verlegt. Schauer sind kein Problem, weil die speziellen Sitz-Säcke binnen weniger Minuten trocknen. An allen vier Tagen bieten die sechs Serviceclubs Kaffee, Kuchen, Waffeln und Apfelchampagner aus der Region an. Der Erlös kommt der Flüchtlingshilfe in der Region zugute.

Von Matthias Schuldt

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