Architekturstudierende arbeiten im historischen Hundsdorfer Forsthaus mal (fast) ohne Computer

Mit Schnüren, Lot und Zeichenbrett

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Bad Wildungen-Hundsdorf - „So viel Leben hatten wir seit der amerikanischen Besatzung 1945 nicht mehr hier drin“, sagt Dr. Heinz Berthold, dem gemeinsam mit seinem Bruder Herbert das ehemalige Hundsdorfer Forsthaus gehört. Es steht seit sieben Jahren leer. 40 Architekturstudenten der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen tummeln sich seit Montag eine Woche lang in dem historischen Gebäude: Sie üben „verformungsgerechtes Aufmessen“, weitgehend von Hand, mit Lot, Schnur, Zeichenbrett statt Computertechnik.

„Ich zwinge die Studenten, ihr Hirn einzuschalten und nicht auf den Mausklick zu vertrauen“, erklärt Professor Nikolaus Zieske. Und die Köpfe rauchen, wenn die jungen Frauen und Männer durch das Haus ein 3-D-Koordinatensystem aus Schnüren spannen, Winkel und Entfernungen von Hand messen, die Ergebnisse auf Zeichenbrettern festhalten. Zieske sucht für diese Übung historische Häuser aus, denn die Altvorderen arbeiteten selten mit exakten rechten Winkeln. Eine Herausforderung. „Wir müssen ein Verständnis für den Raum bekommen und wie wir die Schnüre spannen“, berichtet Philipp Bauer, einer der Studenten. „Die Wände sind so schief“, ergänzt seine Kommilitonin Madeleine Rupp. „Man wurschtelt lange hin und her mit den Gedanken und es braucht oft sehr lange, bis man die Lösung gefunden hat“, sagt Bauer. Aber beide sind sicher, dass sie daraus mehr lernen, als wenn sie ausschließlich mit hochmoderner Computer- und Lasermesstechnik arbeiteten. „Bevor ich am Computer zeichne, lerne ich ja auch das Zeichnen von Hand auf Papier“, meint Bauer. Der Edertaler Architekt Thorsten Zimmer, der für das Forsthaus ein neues Nutzungskonzept erarbeitet hat, kennt das von seiner eigenen Ausbildung noch: „Solche Zeichnungen haben Charakter.“

Von Matthias Schuldt

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