Frischquak

Schräglage

Bad Wildungen - Leicht gerät der Mensch heute auf die schiefe Ebene. Beim Brotschneiden zum Beispiel.

Meine Oma hielt sich noch den Laib mit der Linken vors Brustbein und schnitt mit dem Messer in der Rechten gleichmäßig Scheiben ab, bis zum letzten Kanten. Was für eine Kunst. Heute haben wir in der Küche zwar ein schönes Brett zum Messer, aber wenn meine Hausengel sich des Werkzeugs bemächtigen, weicht jedem Schwarzbrot vor Schreck die Farbe aus dem Teig. Da wird gedrückt und gesäbelt, gekrümelt und gequetscht – mit dem Ergebnis, dass die Schnittseite des bedauernswerten Gebäcks von oben nach unten eine beeindruckende Schräge entwickelt, ein Brot quasi mit Dachüberstand, wobei es zumeist eine zusätzliche schiefe Ebene von links nach rechts (oder rechts nach links) aufweist. Solange der Laib noch genug Masse besitzt, kein Problem. Aber die letzte Scheibe eines jeden Brotes ist bei dieser Schnitttechnik eine echte Herausforderung für den Feinschmecker: an der Oberseite 5 Zentimeter dick, an der Unterseite 2 Millimeter, links 3 Zentimeter stark, rechts 0,2 Mü. „Papa“, ruft es an diesem Punkt oder „Schatz“, je nachdem, welcher Engel das Messer zuletzt in der Hand hatte: „Willst du diese Scheibe noch?“ Ich werfe kein Essen weg. Und muss mich entscheiden zwischen Ästhetik und Genuss. Beides geht nicht. Der Ästhet begradigt die Schrägen, indem er an den dünnen Stellen die Marmelade fünfschichtig aufträgt, während er die dicken Seiten der Scheibe nur zart mit der Fruchtköstlichkeit bestreicht. Optisch gelungen, aber nicht gleichmäßig lecker.Der Genießer macht es umgekehrt, damit das Verhältnis von Teig zu Marmelade trotz Schrägprofils auf jedem Quadratzentimeter der Schnitte dasselbe ist: Viel Marmelade am dicken Ende, weniger an der dünnen Seite. Problem: Ab 37,4 Prozent Gefälle besteht Lawinengefahr und der süße Belag landet auf der Hose statt der Zunge. Wie würdet ihr entscheiden?, fragt euch zum Samstagsfrühstück

Euer Ederlurch

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