Auf sinnloses Gutachten, Falschaussage, verunfallte Angeklagte und zwielichtiges Opfer folgt das Urteil

„Sie müssen neues Leben anfangen“

Edertal/Kassel - Hinter Gittern landet die vierköpfige Bande, die vor einem Jahr einen Edertaler Geschäftsmann ausgeraubt hatte. Der Vorsitzende Richter am Kasseler Landgericht sah keine Chance mehr für „Verständnis und Milde“.

Es war ein Prozess, der durchaus Potential für einen Film hatte. Junge Kleinganoven, die offiziell gerade ihre Volljährigkeit erreicht haben, planen mit einem drogenabhängigen Arbeitslosen, der ihr Vater sein könnte und schon länger auf die schiefe Bahn gerutscht ist, einen vermeintlich „bombensicheres Ding“: Einen vermeintlichen Drogenhändler im Edertal überfallen (wir berichteten mehrfach).

Sie werden geschnappt, weil zwei der vier nicht genug bekommen können, und landen wegen „schweren Raubes“ und „schwerer räuberischer Erpressung“ vor Gericht. Drei von ihnen kennen sich in den Gerichtssälen schon bestens aus, schließlich sind die Vorstrafen - auch und gerade bei zwei der drei „Jungs“ - nicht von schlechten Eltern.

Vor Gericht schließlich überredet der „Fahrer“ der räuberischen Bande seinen besten Freund zu einer Falschaussage. Doch das Vorhaben fliegt auf, weil sich der Zeuge, der helfen soll, in Widersprüchen verstrickt und schließlich aufgibt.

Bei allem geht es letztlich um eine Lappalie: Nämlich ob der junge Mann nach dem ersten Raubüberfall noch einen Abstecher in die „Finca Erotica“ gemacht hat oder nicht. Doch die initiierte Falschaussage wiegt schwer auf dem jungen Mann, der vor Gericht sonst doch immer gern den verängstigten, von außen gesteuerten und hilflosen Jungen gegeben hat - Weinattacken und Entschuldigungen inklusive.

Fassade bröckelte

Spätestens als das aufgezeichnete Telefonat, das er führte, um an noch mehr Geld zu kommen, vor der Sechsten Strafkammer des Landgerichtes vorgeführt wird, bröckelt sein Schutzwall. Direkt, mit Eigeninitiative und fester Stimme dirigiert er da das Opfer, das sein Vater sein könnte, um 10000 Euro aus ihm herauszupressen. Für ihn gibt es drei Jahre Haft. Der engagierte Kasseler Verteidiger scheitert letztlich mit seinen Vorstößen, das Bild des Fahrers weichzuzeichnen. Auch ein eigens in Auftrag gegebenes BKA-Gutachten, das das Urteil um Wochen verzögert, läuft komplett ins Leere. Die vom Verteidiger vorgeschlagene Geldstrafe in Höhe von 10000 Euro sei zudem „das vollkommen falsche Signal“, watscht Richter Mütze das Vorhaben ab.

Für die Verurteilten, die in unterschiedlichen Kulturkreisen ihre Wurzeln haben, sei eine Bewährungsstrafe ausgeschlossen, findet der Vorsitzende Richter Volker Mütze, nachdem er sich am neunten und letzten Verhandlungstag ein abschließendes Urteil gebildet hat. Detailliert schilderte er die rücksichtslose aber auch unbedachte Vorgehensweise der Räuber, die Ende August 2011 aus Koblenz über Korbach ins Edertal gekommen waren, den Händler und seine Partnerin in der Wohnung festhielten und mit mehr als 10000 Euro flüchteten. Der Kern der zwei Taten war wegen der Geständnisse schnell klar, in einigen Punkten widersprachen sich aber die Angeklagten.

Hart ins Gericht geht Mütze mit den beiden weiteren jungen Räubern: „Sie haben nichts, aber auch gar nichts gelernt“, schimpft er angesichts des Vorstrafenregisters, das beide vorzuweisen haben. „Verständnis und Milde sind hier nicht mehr angebracht. Die Jugendstrafen sind die letzte Chance, etwas aus ihrem Leben zu machen. Sie müssen aus dem Umfeld raus und ein neues Leben anfangen“, mahnt er mit mehr als nur einem gehobenen Zeigefinger. Die 19-Jährigen nicken, nehmen das Urteil hin und unterhalten sich dann wieder.

Zwei Jahre und neun Monate bekommt derjenige, der im August 2011 doch gerade erst auf freien Fuß gesetzt worden war, damit er eine Therapie startet. Doch er kommt ausgerechnet bei seinem Freund unter, der ihn in den Überfall einweiht und mitnimmt.

Der Zweite, dessen Familie der Verteidiger schon „rauf und runter verteidigt“ hat, muss ein Jahr länger hinter Gitter. Zum einen bringt er bereits zwei Bewährungsstrafen mit ins Verfahren. Zum anderen schlug er damals dem Händler, bei dem er vermeintlich einen Roller kaufen wollte, mit einer Kette ins Gesicht, hielt ihm wie sein „Kollege“ drohend ein Cuttermesser vors Gesicht und setzte den Raub vor Ort als „Wortführer“ um.

Der, bei dem die Fäden in beiden angeklagten Fällen zusammenliefen, schaut sieben Jahren Haft entgegen. Der langjährige Korbacher habe „eine besonders niedrige Hemmschwelle“ gezeigt, urteilte das Gericht.

Auf die Folgen für die Opfer ging der Richter ebenfalls ein. Bis heute leiden sie psychisch unter dem Überfall in den eigenen vier Wänden. Ihr Anwalt würdigte das Ende der Verhandlung als „durchaus angemessen“. Bei aller Entschiedenheit hatte der Richter auch das Leben nach dem Gefängnis im Blick. So sei durchaus eine Ausbildung beim einen, ein Fernstudium beim anderen möglich, sodass der normale Weg ins Leben nicht verbaut sei.(den)

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