Kenn Westwood von den „Crescendos“ erinnert sich an alte Zeiten in Altwildungen und Bergfreiheit

Stars der Capri-Bar stürmten die Charts

Bad Wildungen - Bergfreiheit/Armsfeld - Der englische Musiker Kenn Westwood startete im Landgasthof „Zum Urftal“ in Bergfreiheit ins neue Jahr und ging dabei auf eine Zeitreise, die fast fünf Jahrzehnte zurückreicht und mit vielen Erinnerungen an die Zeit in Wildungen und Armsfeld verbunden ist.

„So klein ist die Welt“ könnte die Überschrift der Geschichte lauten, um die es hier geht: Im Jahr 1969 war Ingrid Brockmeyer aus Bergfreiheit in England, besuchte eine Sprachenschule in Bournemouth. Dort lernte sie Kenn Westwood kennen, er war Mitglied einer Band.

Im Windschatten der Beatles

Beide kamen ins Gespräch. Der Musiker wollte wissen, von wo sie komme. „Aus der Gegend um Frankfurt“, antwortete Ingrid Brockmeyer vage. Genaue Ortsangaben ersparte sie sich, denn „wer kennt in England schon Bad Wildungen oder gar Bergfreiheit?“ Der Musiker zeigte sich ortskundig im Rhein-Main-Gebiet: „In Frankfurt haben wir gespielt.“ Das motivierte die Sprachschülerin zu einer genaueren Beschreibung, „eigentlich komme ich aus der Region Kassel“. Kenn konterte promt: „In Kassel haben wir auch gespielt.“ Ingrid wurde noch konkreter: „Der Ort heißt Bad Wildungen.“ Kenn wie aus der Pistole geschossen: „Da habe ich auch gespielt.“ Endlich ließ Ingrid Brockmeyer die Katze aus dem Sack: „Bergfreiheit heißt das Dorf, aus dem ich komme.“ Kenn zeigte sich als Kenner: „Da haben wir nicht gespielt, aber gut gegessen.“

Ingrid entgegnete überrascht, dass dies der Gasthof ihrer Eltern gewesen sei.

Im Jahr 1964, die Beatles hatten zwei Jahre zuvor ihre Weltkarriere begonnen, waren englische Bands in Deutschland gefragt und beliebt, sie segelten im Windschatten der Liverpooler. Der Inhaber der damaligen „Capri-Bar“ in Altwildungen erkannte das schnell und engagierte die Band „Crescendos“ mit ihrem Bandleader, Schlagzeuger und Sänger Kenn Westwood. Er erinnerte sich dieser Tage in Bergfreiheit gut und gern an Bad Wildungen: „Es war unser erstes Engagement. Die Bad Wildunger Gäste haben uns begeistert gefeiert.“ Kein Wunder, brachten doch die „Crescendos“ damals die ersten Beatles-Songs mit von der Insel, wo die Lieder schon bekannt waren.

Die Band war schnell eine Größe im Show-Geschäft, spielte am Nürnburgring, mit Vivi Bach, Heidi Brühl, dem Harry-Osterwald-Sextett, den Peanuts und Gilbert Bécaud in „Musik aus Studio B“ von „Mister Pumpernickel“ Chris Howland, sie hatten Rundfunk und Fernsehaufnahmen und Schallplatten eingespielt.

Proben in Armsfelder Scheune

Das Standquartier der fünf jungen Musiker war zunächst der Gasthof Knoche in Armsfeld. Dort haben sie in der Scheune geprobt und sind von da zu Auftritten in Nordhessen gestartet.

Eigentlich wollten die Musiker nur einen Monat in Deutschland bleiben und nach ihrem Wildunger Gastspiel wieder nach Hause auf die Insel fahren. Am Ende waren sie drei Jahre im Land, haben auch in Großstädten erfolgreich gastiert und waren mit „Little Egypt“ und „Heidi, Heidi, Ho“ sogar zweimal die Nummer eins in den Rundfunk-Charts.

Es war die Zeit, in der sich die Bandmitglieder oft kaum vor dem Ansturm ihrer Fans - besonders der jungen Mädchen - retten konnten, in der es jeden Tag viele Briefe mit Autogrammbitten und sogar Heiratsangebote gab, eine Zeit, in der die Musiker richtig viel Geld verdienten.

„Das war eine tolle Zeit in Germany“, sagt Kenn Westwood heute schmunzelnd. Der Engländer erinnert sich noch gut daran, dass die Musiker oft im Landgasthof zum Urftal gegessen haben „und vor allem an die guten Wiener Schnitzel und Oma Brockmeyers Käsesahnetorte“.

Nach der Rückkehr von Ingrid Brockmeyer von ihrem Sprachstudium und ihrem Umzug nach Wien hatten sich die Bergfreiheiterin und die englischen Musiker um Bandleader Kenn Westwood aus den Augen verloren. Bis sie 2008 im Internet seinen Namen entdeckte und Kontakt aufnahm, der bis heute nicht abgerissen ist. Die Band „Crescendos“ hat sich schon vor Jahren aufgelöst, ab und zu trifft Kenn Westwood noch einmal seine ehemaligen Musiker-Kollegen.

„Für einen Auftritt in Bad Wildungen würde ich die gerne noch einmal zusammentrommeln“, versichert der Brite. Bei seinem Besuch in Bergfreiheit sang und spielte Kenn Westwood aus Spaß an der Freud in Brockmeyers Landgasthof gemeinsam mit seinem Bruder Laurence und Rudi Brockmeyer von „Revolver“ für ein paar Freunde gute Musik - so wie damals vor beinahe fünf Jahrzehnten.

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