Harald John zieht seine Konsequenzen aus der neuen Abgabe für den Zweiwohnungssitz in Bad Wildungen

Steuer schlägt Ehrenamt

Bad Wildungen-Reinhardshausen - Die Nähe zu seiner Mutter und die ehrenamtliche Betreuung eines lieb gewonnen Menschen hat Harald John vor zwei Jahren nach Bad Wildungen verschlagen. Jetzt packt der 63-jährige wieder seine Koffer: Wegen der ab 2015 neu eingeführten Zweitwohnungssteuer.

„Ich bin einer von jenen, von denen die Stadt ab Januar 2015 monatlich über 100 Euro als „Daseinssteuer“ einzutreiben versucht“, sagt John. Aber das werde nicht gelingen. „Nicht einen Cent wird die Stadt bekommen. Im Gegenteil, auch meine Einkäufe werde ich bis zu meinem Wegzug nicht mehr in Bad Wildungen tätigen“, kündigt er an.

Leidtragender der Zweitwohnungssteuer sind im Fall John zwei Menschen, die unbedingt Hilfe benötigten. Weil er in der Nähe seine pflegebedürftigen, 88 Jahre alten Mutter bleiben wollte, hat John eine Wohnung im Umfeld des Fritzlarer Stadtteils Geismar gesucht. In Reinhardshausen wurde er fündig, in einem Haus am Ortsrand mit Blick auf Wiesen und Felder. Seinen ersten Wohnsitz und Firmensitz hat er im Elternhaus behalten.Der 63-Jährige ist Diplom-Pädagoge, Diplom-Heilpädagoge und Sozialpädagoge (grad). Er arbeitet freiberuflich. „Den Firmensitz umzumelden wäre für mich ein erheblicher Aufwand und mit Kosten verbunden, die mir keiner ersetzt“, führt der Reinhardshäuser an, „dafür gehen locker 1000 Euro drauf.“

Zweiter Grund für die Zweitwohnung in Bad Wildungen ist die ehrenamtliche Betreuung eines ehemaligen Nachbarn. Durch eine Sauerstoff-Unterversorgung im Gehirn, verursacht durch eine Operation, litt dieser unter Gedächtnisverlust und einem Ausfall der Motorik. In einer Reha-Klinik sei ihm bereits eine „Karriere als Liegend-Pflegefall auf Dauer“ vorausgesagt worden.

Mit Geduld und intensiver Therapie habe John ihm wieder zur aktiven Teilnahme am Leben verholfen, schildert der Pädagoge Details. „Wahrnehmen, mentale Aktivitäten wie Erinnern und Denken, Sprechen, zunehmend kontrollierte Motorik einschließlich des Laufens, das Ausleben von Gefühlen, Autofahren – das volle Programm.“

Aus diesen Erfahrungen heraus hat der Pädagoge inzwischen ein Training auch für andere Betroffene mit Hirnschädigungen erarbeitet und will künftig ínteressierte Angehörige schulen. „Das kann für alle deutlich mehr Lebensqualität bedeuten.“

Seit vier Jahren betreue er den Nachbarn ehrenamtlich, unentgeltlich und auf eigene Kosten. „Die Krankenkasse zahlt keinen Pfennig.“ Rund 200 bis 300 Euro im Monat kämen zusammen, rechnet John. Vor allem die Fahrkosten zu dem Patienten gingen auf Dauer ins Geld. „Der Patient ist letztendlich der Verlierer bei der Aktion Zweitwohnungssteuer, denn mit dem 1. Januar stelle ich die Betreuung ein. Meine hessische Ehrenamtskarte gebe ich mit Begleitschreiben an die ausgebende Stelle zurück,“ stellt John klar. Seine Situation habe er in einem Schreiben an Magistrat, Stadtverordnetenversammlung und den Bürgermeister der Stadt Bad Wildungen geschildert. „Aber keiner hat sich auch nur ansatzweise bemüht, zu mir Kontakt aufzunehmen“, sagt John kopfschüttelnd. „So darf man nicht mit Menschen umgehen, deren Verbleib man sich angesichts rückläufiger Bevölkerungszahlen in Bad Wildungen so sehr wünscht.“In seiner Enttäuschung hat sich der Reinhardshäuser mit Bitte um Unterstützung auch an Ministerpräsident Volker Bouffier gewandt. „Ein Ehrenamtler braucht die Unterstützung der Kommunen, keine Torpedos.“

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