Gezielt abgelenkt und ausgespäht: Wie eine Familie wertvollen Schmuck in Juweliergeschäft ergaunert

Von Trickdieben unbemerkt beraubt

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Waldeck-Sachsenhausen - Gauner, die mit der Enkel-Masche Senioren über den Tisch ziehen oder Langfinger, die nach einem Anrempler die Geldbörse aus der Tasche fischen - findige Trickdiebe treiben ihr Unwesen. Goldschmiedin Lea Friebertshäuser schildert, wie eine Familie unbemerkt wertvolle Schmuckstücke aus einem Juweliergeschäft in Sachsenhausen erbeutete.

Es ist etwa 16 Uhr, als eine südländisch aussehende Familie den Laden an der Wildunger Straße betritt. Die 23 Jahre alte Angestellte ist allein, der Chef gerade gegangen und mit ihm der Wachhund, Mini-Pitbullterrier Ninia. Die sehr gepflegt aussehende Kundin, Anfang 30, ist auffallend mit Goldschmuck behangen. Sie gibt Interesse an einem goldenen Armband vor. Ihr Begleiter, etwa Mitte 30, trägt ein Baby auf dem Arm, außerdem ist ein etwa fünf Jahre altes Mädchen mit dabei. „Es lief dauernd herum und fasste alles mit den Händen an“, weiß die Angestellte noch genau.

Nur kurz den Raum verlassen

Die Goldschmiedin holt verschiedene Armbänder aus dem Schaufenster und berät die Kundin. Dann lässt sich die Frau auch Ringe zeigen und zwar besonders wertvollen Schmuck mit vielen Brillanten. Stückpreis: mehrere Hundert Euro.

Plötzlich verlässt der Begleiter den Laden und schaut von Außen in die Auslagen des Schaufensters. Ausgerechnet ein schlichter und bescheidener Ring fesselt angeblich das Interesse des Paares. „Er lag sehr weit hinten, und ich musste mich ins Fenster bücken“, sagt die Angestellte und ist sich sicher: „Das war so geplant.“

Offenbar nutzt die Familie diese Gelegenheit, um unbemerkt in die Auslagen zu greifen, glaubt die Nieder-Werberin heute. Der georderte Ring passt nicht, und die Dame lässt sich weiteren Schmuck zeigen. Kurz darauf kommt eine andere Kundin in den Laden, um eine Reparatur abzuholen. Lea Friebertshäuser unterbricht für einen Moment die Beratung, verlässt kurz den Raum und händigt den reparierten Schmuck aus.

Anschließend wendet sie sich wieder dem Paar zu, und nun geht alles schnell. Man wird sich handelseinig über einen 650 Euro teuren Ring. „Das ist aber günstig“, sagt die Kundin und fragt nach einem Bankschalter, um Bargeld zu holen. Die Angestellte verweist auf einen Geldautomaten direkt gegenüber dem Juweliergeschäft und einen weiteren am Marktplatz.

Ein Zwischenruf des Begleiters lenkt ab: „Das Baby hat in die Windeln gemacht.“ Die Familie verlässt den Laden, und die 23-Jährige wird zunächst nicht argwöhnisch. Aber anstatt Geld zu holen oder das Kind zu wickeln steigt das Quartett auf dem Parkplatz gegenüber ins Auto, und der dunkle Mercedes-Kombi braust schnell davon.

Geistesgegenwärtig schaut die Angestellte in die Auslagen und stellt erschrocken fest, dass sie von Trickdieben bestohlen wurde. Mehrere Schmuckstücke fehlen, darunter besonders hochwertige Stücke mit Edelsteinen. „Und unser teuerster Ring war weg.“ Der doppelte Spannring aus Gold mit Diamanten kostete allein 5500 Euro.

Der Schock über das dreiste Gaunerstück sitzt auch fast zwei Wochen nach dem Raub tief. „In Zukunft werde ich nur noch einzelne Stücke zeigen und sie sofort wieder zurücklegen“, hat sich die 23-Jährige vorgenommen. Aber auch dann bleibe ein Restrisiko. „Wenn man allein im Laden ist, kann man die Augen nicht überall haben.“

„Das waren absolute Profis“

Lea Friebertshäuser ist überzeugt davon, dass die Trickdiebe im Vorfeld das Schmucksortiment und eine günstige Gelegenheit gezielt ausgespäht haben. „Mit ihrem sehr höflichen und freundlichen Auftreten haben sie dann ein Vertrauensverhältnis aufgebaut.“

Trotz schnell eingeleiteter Fahndung habe die Polizei wenig Hoffnung auf die Überführung der Täter gemacht, sagt Friebertshäuser. Juweliermeister Martin Ochs bleibt wohl auf dem Schaden in Höhe von 12500 Euro sitzen, denn versichert ist er nicht. „Das waren absolute Profis, die sich sicher nicht zum ersten Mal bereichert haben“, glaubt er. Ein derartiges Gaunerstück sei in Sachsenhausen noch nicht vorgekommen, „und dann so etwas mit einer solchen Trefferquote“. Der Juwelier will umgehend moderne Überwachungstechnik in seinem Laden einbauen lassen. „Trotzdem ist man vor Trickdiebstahl nicht gefeit“, weiß er.

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