HOGA-Chef: Stärkste Konkurrenz der Gastronomie sind Clubhotels am Mittelmeer

Trittbrettfahrer bei den Sternen

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Der Vorstand des Hotel- und Gaststättenverbands Bad Wildungen und Umgebung mit Vorsitzendem Christian Gerlach (vorn, 2. v. l.) und Gastrednern.

Waldeck-Niederwerbe - Gasthaus-Sterben auf dem Land und das Jubiläum „100 Jahre Edersee“ standen im Blickpunkt bei der Versammlung des Hotel- und Gaststättenverbands Bad Wildungen und Umgebung (HOGA).

Das See-Jubiläum soll nach Ansicht des HOGA-Vorsitzenden Christian Gerlach als Chance wahrgenommen werden: „Jeder sollte ein Jubiläumsangebot in diesem Jahr anbieten.“ In der gut besuchten Jahreshauptversammlung im Flair-Hotel Werbetal in Nieder-Werbe wies Gerlach auch auf die Kehrseiten hin: „Ausbildungsberufe im Hotel- und Gaststättengewerbe sind immer unbeliebter wegen schlechter Bezahlung und Arbeitszeiten.“ Im Dienstleistungsgewerbe für den Freizeitbereich gelte es, dann zu arbeiten, wenn andere freihaben.

Immer mehr Betriebe ohne Nachfolger

In der Urlaubsregion Waldecker Land gab es im Jahr 2013 778 113 Gästeankünfte, das ist ein Anstieg von 1,4 Prozent. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer nahm von 4,3 auf 4,1 Tage ab. In Diemelsee, Frankenberg, Waldeck und Willingen gab es Steigerungen bei Ankünften und Übernachtungen. In Bad Wildungen, Edertal, Diemelstadt, Frankenau und Vöhl lagen sie unter den Werten des Vorjahres. Rückgänge hatten vor allem Gasthöfe, Pensionen, Ferienwohnungen, Jugendherbergen und Vorsorge- und Rehabilitationshäuser zu verzeichnen, während es bei Hotels und Campingplätzen Zuwächse gab.

Die Vergabe von Hotelsternen durch den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) hat sich nach Ansicht Gerlachs bewährt: „Unsere Sterneklassifizierung wird von immer mehr europäischen Ländern übernommen.“ Der Hotelchef betonte: „Unsere stärkste Konkurrenz ist nicht das Hotel oder der Gasthof nebenan, es sind die großen Clubhotels am Mittelmeer.“ Gerlach bedauerte, dass Betriebe ohne Klassifizierung mit selbst verliehenen Sternen werben. Somit erhalten Gäste nicht den Standard, den sie erwarten. „Unser Verband wird streng gegen diese Trittbrettfahrer vorgehen.“

Den demographischen Wandel im ländlichen Bereich spüre bereits die Gastronomie. „Immer öfter hört man von Betrieben, die Käufer oder Pächter suchen. Eine Betriebsübergabe an die nachfolgende Generation ist alles andere als selbstverständlich.“ Eine Beratungsgesellschaft der DEHOGA helfe bei einer Betriebsübergabe.

Nach Auskunft von DEHOGA-Geschäftsführer Julius Wagner gab es 2013 erstmals mehr als 30 Millionen Übernachtungen in Hessen. „Leuchttürme“ seien Willingen und das Rhein-Main-Gebiet mit Städten wie Frankfurt und Wiesbaden. Wagner lud zur Landesdelegiertenversammlung am 14. Juli nach Kassel ein, zu der Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir erwartet wird.

Dr. Sven Bökenschmidt von der Edersee-Touristik (ET) verwies auf zunehmende Gäste-Buchungen via Internet. Allein im Juli und August 2013 habe es bis zu 1500 und 2000 Anfragen pro Tag über das Internetportal der ET gegeben. „Dieser Trend soll für die Erlebnis-Region Edersee genutzt werden.“ Ute Schulte vom Regionalmanagement Nordhessen in Kassel warb für Mitwirkung in der Grimmheimat Nordhessen: „Unsere Aufgabe ist es, die gesamte Region als Heimat der Brüder Grimm darzustellen.“ Wichtigste Zielgruppen: Gäste über 50 Jahre und Familien. In 2022 ist der Aufstieg zur erfolgreichsten Mittelgebirgsdestination in Mitteleuropa angepeilt.

Ruhrtalradweg vernetzt mit Edersee

ET-Geschäftsführer Claus Günter kündigte an, dass der Ruhrtalradweg eine Anbindung an den Edersee erhält. Außerdem warb er für den Veranstaltungsreigen zum See-Jubiläum. HOGA-Geschäftsführer Kay Floren wies auf die Website „100-jahre-edersee“ hin.

In seinem Jahresrückblick erinnerte der HOGA-Vorsitzende an zahlreiche Aktivitäten, von einer Weinprobe in Franken, an der auch Auszubildende der Berufsschule Bad Wildungen teilnahmen, über die Besichtigung des Flughafens Kassel-Calden, mehrere Stammtischtreffen bis hin zu einer Flugreise nach Mallorca, die von Familie Rieger organisiert wurde.

Das Sterben der Gasthöfe

Auf Landflucht und Gasthaussterben ging DEHOGA-Geschäftsführer Julius Wagner aus Wiesbaden ein: „Klassische Gasthäuser sind einem gnadenlosen Rückgang ausgesetzt.“ Dazu tragen die Vereinsgastronomie, aber auch die Brauereien bei, indem die Preise für Fassbier und Flaschenbier weit auseinanderklafften. Wagner: „Keine Gemeinde kann ein Interesse daran haben, dass als letzter sozialer Treffpunkt die Kneipe auch noch schließt.“ Im Jahr 2002 gab es rund 3000 „klassische Gasthöfe“ in Hessen, 2013 nur noch 1780 – ein Rückgang von 40 Prozent.

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