Seltenes Jubiläum: Adolf Hanickel pflegt seit 50 Jahren den Friedhof wie seinen eigenen Garten

Trost, Rüffel und Glücksmomente

+
Seit 50 Jahren pflegt Adolf Hanickel den Friedhof in Sachsenhausen, seit über 40 Jahren unterstützt ihn seine Frau Maria. Zu dem seltenen Jubiläum gratulierten Bürgermeister Jörg Feldmann und Hiltrud Deimel vom Ordnungsamt (kleines Bild).

Waldeck-Sachsenhausen - Seit 1964 pflegt Adolf Hanickel mit Herzblut den Sachsenhäuser Friedhof, spendet Angehörigen Trost und hält gelegentlich auch eine Trauerrede. Gestern gab es im Rathaus einen Sektempfang zum Jubiläum „50 Jahre Allzweck-Adolf“.

Diesen Spitznamen verlieh ihm Ex-Bürgermeister Peter Brandenburg, erinnerte der amtierende Rathauschef Jörg Feldmann in einer Feierstunde. In den fünf Jahrzehnten lernte Hanickel auch die früheren Bürgermeister Dietzel, Dreyer, Viereck kennen, „und mindestens 13 Pastöre, wenn man die katholischen dazuzählt“. Die Arbeit ging weit über Unkrautjäten, Pflege von Blumenrabatten oder Harken der Wege hinaus, der Dienstbeginn war zuweilen ungewöhnlich. „Oft wurde ich morgens um halb fünf angerufen, wenn es einen Todesfall gab“, berichtete der Friedhofschef. „Es war nicht immer leicht, den Leuten Trost zuzusprechen“, erinnert er sich an viele traurige Fälle. Der Tod eines Sachsenhäusers, der Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, und Begräbnisse kleiner Kinder waren besonders bewegend.

Aber es gibt auch glückliche Momente auf dem Friedhof. „Wenn sich Witwen und Witwer gefunden haben und neue Wege zusammen gehen, freut mich das immer besonders.“ Hanickel weiß genau, wann die steten Friedhofsbesucher zu den Gräbern ihrer Angehörigen kommen, neue Kerzen aufstellen und frische Blumen bringen. Das geht meist nicht ohne Plausch, und vieles ist streng vertraulich. „Watt hie geschwatzet worren is, sull au hie begraben wärn“, zitierte Hanickel alte Sachsenhäuser.

Wer die Grabpflege schleifen lässt, handelt sich schnell einen Rüffel von dem 72-Jährigen ein. Ein Donnerwetter ging gerade erst auf einen Fahrradfahrer nieder, der verbotenerweise auf dem Friedhofsweg fuhr. Vor einigen Jahren versetzte ein wandernder Handwerksgesell dem Friedhofsgärtner frühmorgens am Volkstrauertag einen gehörigen Schrecken. Er lag dicht an der Friedhofskapelle, um ein bisschen Wärme vom angeheizten Innenraum abzukriegen.

Neben allen anfallenden Arbeiten auf dem Gottesacker mit seinen 480 Gräbern und 800 Grabstellen hat der ehemalige Postbote auch die Organisation und den Ablauf von Trauerfeiern fest im Griff. Bei Beerdigungen von Nichtchristen leitet er zuweilen selbst die Zeremonie.

Vor 50 Jahren wurden die Gräber in Handarbeit ausgehoben. „Da gab es 20 Mark pro Grab“, weiß Hanickel noch genau, der damals mit der Familie Rothauge zusammenarbeitete. „Das Geld wurde geteilt - für zehn Mark habe ich drei Säcke Zement für den Bau meines Eigenheims gekauft.“

Seit über 40 Jahren wird Hanickel tatkräftig von seiner Frau Maria unterstützt. „Wenn es eng wurde, bin ich immer eingesprungen“, sagt seine in Bayern geborene Ehefrau, die ihren Mann in Frankfurt-Sachsenhausen kennenlernte. Sie erlebte Diskussionen über eine 700 000 Mark teure Friedhofshalle mit und heftigen Schlagabtausch wegen der geplanten Mehrfachbelegung von Grabstätten. „Das ist lange kein Thema mehr, wir hätten uns nicht träumen lassen, dass es einmal so viele Urnenbegräbnisse oder anonyme Bestattungen gibt“, sagt Hanickel heute.

50 bis 60 Kränze lagen früher auf jedem Grab. Die wurden später verbrannt. „Dann stand die halbe Siedlung unter Qualm“, lachte Hanickel. Neben dem Friedhof pflegt das Ehepaar auch die Blumenrabatten am Ortseingang aus Richtung Korbach kommend.

In einer Feierstunde gratulierte Bürgermeister Jörg Feldmann dem geringfügig beschäftigten Mitarbeiter zu dem seltenen Jubiläum und überreichte an Maria Hanickel einen Blumenstrauß.

Adolf Hanickel

Adolf Hanickel wurde 1941 in Endersdorf/Freiwaldau geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie aus dem Sudetenland vertrieben. Mit der Mutter und einem Bruder gelangte er 1946 nach Sachsenhausen, der Vater und ein älterer Bruder kamen später nach. Mit Eltern und seinem jüngeren Bruder hat Hanickel in Sachsenhausen eine neue Heimat gefunden, engagierte sich unter anderem in Männergesangverein, Geschichtsverein und im kirchlichen Bereich. Mit seinem Wissen über Heimatgeschichte hat er maßgeblich zum Gelingen der 750-Jahr-Feier beigetragen und führt Interessierte durch Alt-Sachsenhausen. Hanickel ist seit 1973 mit seiner Frau Maria verheiratet, aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor.

Kommentare