Vom Beginn der Planungen an spielte der zu erwartende Tourismus an der Edertalsperre eine wichtige Rolle

„Vierwaldstädter See wird übertroffen“

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Der Geheime Baurat übertrieb nicht: aktuelles Edersee-Panorama, von der Hermannshöhe aus gesehen.Foto: Henning Schaumburg

Edersee - Wie sähe der Tourismus entlang der Eder heute ohne die Talsperre aus? Schmalbrüstig steht zu vermuten. Der See als Magnet für Ausflugsgäste und Urlauber, auch in dieser Hinsicht als Verdienstquelle für eine arme Region, schwang von Beginn an mit in den Köpfen von Planern und Befürwortern.

Vom ersten Tag an zog der Edersee die Menschen an. Zunächst waren es die Neugierigen, die sich an der neuartigen Technik im Großformat beinahe berauschten und gebannt die Bauarbeiten verfolgten. Kaum war die Mauer fertig, gesellte sich zu dieser Gruppe die ungleich größere Klientel, die bis heute das Tourismusgeschäft trägt: Wassersportler und Erholungssuchende.

Einer der führenden Ingenieure des Vorhabens sagte diese Entwicklung schon voraus, als diverse Kommissionen bei Bereisungen des Sperregebietes noch darüber berieten, wie der See im Detail angelegt werden solle: der preußische Geheime Ober-Regierungsrat Sympher. Peter Topeters, Redakteur bei der Wildunger Zeitung, begleitete ihn Anfang des 20. Jahrhunderts auf einer der Fahrten durchs Edertal und erinnerte sich 1932 - fast 30 Jahre später - in dem Blatt an jene Zeit: „Beim Verlassen des Schlosses war Geheimrat Sympher mit mehreren Herren aus dem Wesergebiete vor dem letzten Burgtore stehen geblieben, um von dort diesen das Haupt-Sperregebiet zu skizzieren. Damals lagen unten im Tal noch Vornhagen und dahinter die Stollmühle. Seitwärts sah man Berich mit der alten Kirche und in der Ferne die Bericher Hütte sowie das alte Bringhausen. Bei dieser Besprechung sagte Sympher: ‚Wenn die Sperre einmal fertig ist, werden Sie eins der schönsten Bilder von Gebirgswässern und bewaldeten Bergen zu sehen bekommen. Die Schweiz mit ihrem Vierwaldstädter See wird übertroffen. Dort hindern die Alpen den weiteren Ausblick, hier aber können Sie den See mit vielen Bergkegeln bewundern, aber noch über das eigentliche Gebiet hinaus in die weite Ferne schauen. Die Schweiz hat vier Waldstädte am See, hier aber werden von der einen Stadt aus vier Seen zu schauen sein!‘ Mehrere Herren beantworteten mit einem ‚Na, na Herr Geheimrat!‘, doch dieser ließ sich nicht beirren und zeigte an Hand einer Skizze, welchen Umfang die Sperre einnehmen würde, woraus unter Hinweis auf das vor den Zuhörern liegende Panorama des Eder- und Werbetales sich jeder von dem Gesagten überzeugen konnte.

Geheimrat Sympher hat richtig vorausgeschaut. Nicht bloß vier Seen werden durch die Windungen der Talsperre zwischen den bewaldeten Bergen den Augen geboten, sondern der Neu-Bringhäuser kann jeden Besucher mit Stolz an die Stelle der dortigen Gemarkung führen, wo man heute einen Fünfseen-Blick genießt.“

Der Vergleich mit dem Vierwaldstädter See wird in den ersten Jahrzehnten nach Fertigstellung der Sperrmauer von vielen Waldeckern gerne und oft zitiert. Solche Lobpreisungen eines als „Kulturwerk“ begriffenen Großprojekts fielen im Bürgerum auf fruchtbaren Boden und lockten viele Schaulustige an. Weit verbreitete Familienzeitschriften wie „Über Land und Meer“ überbrachten die Kunde an ein umfangreiches Publikum.

„Aus Kümmernis einzelner wächst Segen für Millionen“

Richard Winckel schrieb 1913 über „Ein neues Vineta“ und setzte die untergehenden Dörfer im Edertal gleich mit der Stadt einer Sage, die an der südlichen Ostseeküste beheimatet ist. Vineta versank demnach in den Fluten eines Sturmhochwassers. Winckel fügte eigene Zeichnungen von Berich oder Alt-Bringhausen seinem Bericht bei: „Ich habe keinen Ausdruck der Schwermut aus dem Mund der Bauern vernommen, als ich in glühender Sommerpracht dort wanderte; mir schien, als wäre ihr Sinn nur auf das Heute und auf die Vergangenheit gerichtet...Wenn diese treuen Menschen, diese reinen Kinder der Natur ihr Haus, vom Urahn erbaut, verlassen,...wird hundertfaches Weh die Herzen erfüllen...Dann wird eine neue Heimat...und reiche Arbeit Trost bringen, und aus der Kümmernis des einzelnen wächst Segen für Millionen. Wenn der neue See in den eichenbekrönten Bergen - ohnegleichen in unserer mitteldeutschen Heimat - die Menschen von fern und nah zu sich ladet, wenn wir...im modernen Dampfer über seine Fläche fahren und in seinen Fluten baden, mag manche Erinnerung an das Versunkene zur immer reicheren Sage werden und die Phantasie unserer Enkel beglücken.“ Derlei Ausführungen in den damals einzigen Massenmedien, den Zeitungen und Zeitschriften, mussten das Interesse des Publikums wecken.

Von Matthias Schuldt

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