Zwischen 1910 und 1914: Abriss und Wiederaufbau der Bringhäuser Kirche

Vorgeschmack auf Edersee-Jubiläum

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Edertal-Bringhausen - Bringhausen gab am Sonntag einen Vorgeschmack auf das große Edersee-Jubiläum(100 Jahre Talsperre), das in 2014 gefeiert wird.

In einem Festgottesdienst erinnerten die Bringhäuser an den „Umzug“ ihrer Kirche vor etwa 100 Jah-ren aus dem Seegebiet in das neue Dorf Bringhausen auf dem nahen Daudenberg. Eigentlich zwei Jahre zu früh, wie eine Inschrift im Kirchsaal beweist: „Unter der Regierung seiner Durchlaucht des Fürsten Friedrich zu Waldeck und Pyrmont wurde im Jahre des Heils 1914 diese Kirche, die einst im Edertale stand, durch die Preussische Bauverwaltung (Weserstrombauverwaltung) hier auf dieser Höhe wieder errichtet.“ 2012 ist also genau genom-men erst der 98. Jahrestag des Kirchenumzugs. Die Bringhäuser befürchteten, bei dem zu erwartenden großen Festreigen in 2014 könnte ihr Ereignis vielleicht „untergehen“.

60 Familien umgesiedelt

Pfarrer Clemens Blum blendete zurück in die Zeit, als in diesem abgeschiedenen, aber „intakten“ Waldecker Winkel allen Menschen das eigentlich Unglaubliche klar wurde: Ihr Dörfchen Altbringhausen würde zusammen mit anderen Ortschaften dem Talsperrenbau zum Opfer fallen, Bringhausen würde in den Fluten des Edersees versinken. Rund 60 Familien in Altbringhausen mussten sich entscheiden, ob sie den Neuanfang auf dem Daudenberg wagen sollten. Die meisten zogen weiter weg, nur rund 16 Familien entschieden sich, in der unmittelbaren Nähe ihrer bisherigen Heimat zu bleiben. Immerhin hatten sie die Möglichkeit, ihre Häuser ab- und auf dem Daudenberg wieder aufzubauen. Dies sollte auch mit der Kirche geschehen, 1726 als Sand- und Quadersteinbau im barocken Stil errichtet.

Altar aus Palmen

„Sie waren tapfer, diese alten Bringhäuser“, meinte Pfarrer Blum. Wie er weiter berichtete, feierten sie in 1910 ein rauschendes Abschiedsfest, und am nächsten Tag nahmen sie schweren Herzens die für diese Jahre gewaltige Umsiedlungsaktion in Angriff. Die Leute packten ihr Hab und Gut zusammen, Kuh- und Pferdegespanne transportier-ten die Einzelteile der abgerissenen Häuser und der Kirche auf den Berg. Das gesamte Unternehmen zog sich über die nächsten vier Jahre hin, bis 1914 der See hinter der fertig gestellten großen Mauer erstmals Gestalt annahm.

Damals ahnte kaum jemand, dass diese harten Jahre gar nicht das Schlimmste sein sollten, das noch viel Schlimmere begann im Sommer 1914 mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Pfarrer Blum: „Gott hat die-sen Menschen in Bringhausen Kraft und Mut geschenkt, sie haben es gemeistert.“

Der Posaunenchor Gombeth untermalte den Gottesdienst musikalisch. Dann gab es Mittagessen, später selbstgebackenen Kuchen. Ein Konzert des Gospelchors Affoldern rundete das Jubelfest ab. Das Besondere an der Bringhäuser Kirche ist ein sogenannter Palmenaltar. Vier Palmensäulen tragen einen rechteckigen Aufbau mit reich verziertem Podest sowie einer Kanzel in luftiger Höhe.

Diese Konstruktion ist der etwa 50 Jahre älteren Kirche in Arolsen-Helsen nachempfunden. „Pate“ soll der Wahlspruch des Waldecker Fürsten Georg Friedrich gewesen sein: „Palmen wachsen unter Lasten.“ Allerdings predigt seit langem kein Pfarrer mehr von der Bringhäuser Palmenkanzel. Lange pflegten die Kirchgänger in Bringhausen ein weite-res spezielles Ritual: Die Männer saßen immer links und die Frauen nahmen grundsätzlich in der rechten Reihe Platz. Erst nach dem letzten Krieg lockerten Kirchgänger diese Geschlechtertrennung in der Kirche hoch über dem Edersee auf.

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