Wie es die Wellenerin Elisabeth Eppelmann statt für eine Woche für ihr Leben in die Weinberge versch

Vom Waldecker Land ins Winzerleben

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Vier Generationen unter einem Dach und keine Probleme bei der Nachfolge im Familienunternehmen des Weingutes Eppelmann. Links im Bild Elisabeth Eppelmann, geborene Röhner, die aus Edertal-Wellen stammt. Im Weiteren ihr Enkel Christian, Ehemann Udo, Schwiegervater Walter, Sohn Timo, Enkelin Corinna und Schwiegertochter Simone Eppelmann.

Edertal-Wellen - „Wenn einem die Arbeit Spaß macht, überträgt sich das auf die Kinder“, sagt Elisabeth Eppelmann. So lautet ihre vermeintlich einfache Erklärung dafür, dass sich die fünfte Generation anschickt, die Tradition des Weinguts Eppelmann im rheinhessischen Stadecken weiterzuführen.

Das Waldecker Land genießt keinen Ruf als Hochburg des Weinbaus, aber in Diemelstadt hat Ex-Landwirtschaftsminister Wilhelm Dietzel das Traubenkeltern für sich entdeckt - und in Wellen liegt eine der Wurzeln für den Erfolg des Gutes Eppelmann ein paar Hundert Kilometer weiter südlich. Denn Elisabeth Eppelmann ist eine geborene Röhner, ein echtes Kind des Edertals.

„Der Großvater meines Mannes hat erst gesagt: ‚Wer nicht in den Weinbergen groß geworden ist, der kann das nicht‘. Ich dachte bei mir, das werde ich dir schon zeigen“, erinnert sich Elisabeth Eppelmann mit einem Schmunzeln. Sie überzeugte den alten Mann, der bald zu seiner Schwiegertochter Lieselotte, der Mutter von Udo Eppelmann, meinte: „Lass’ Elisabeth die Reben schneiden. Die kann’s besser.“

Direktvermarktung mit dem Korb voller Flaschen

Das passte zur Arbeitsteilung in der Familie, damals in den 1970ern. Udo und Elisabeth Eppelmann hegten und pflegten die Weinberge und den kostbaren Rebensaft in den Kellern des Gutes - gemeinsam mit dem Großvater - während die Eltern Lieselotte und Walter über Land fuhren und den Wein verkauften. „Direktvermarktung“ heißt das heute, und die Eppelmanns betreiben es weiterhin, wenn auch anders als Lieselotte vor mehr als 40 Jahren. Sie ging mit einem Korb voller Flaschen von Haustür zu Haustür, um zum Verkosten einzuladen. Bevorzugte Geschäftsreiseziele: die Regionen Fritzlar und Kassel.

Eines Tages hatte Lieselotte Eppelmann mit ihrem Korb auch an der Tür der Familie Röhner geläutet, damals, als Elisabeth von Stadecken und Udo noch nichts wusste.

Ihr Vater Heinrich Röhner erinnert sich: „Die Eppelmanns mussten tanken bei unserem Nachbarn Schäfer.“ Die geschäftstüchtige Winzerin nutzte die Pause sofort zum Neukunden-Gewinn. Die erste Probe überzeugte die Röhners und so schauten Walter und Lieselotte Eppelmann mit ihren Weinen fortan regelmäßig vorbei.

„Ich wollte den Hof meiner Eltern in Wellen übernehmen“, blickt Elisabeth auf die Zeit zurück. Sie besuchte die Landwirtschaftsschule, um ländliche Hauswirtschaft zu lernen und von vornherein war klar: „Bevor ich zu Hause in den Betrieb einsteige, wollte ich auswärts Erfahrungen sammeln.“

Vater Heinrich sprach die Eppelmanns an, ob sie seiner Tochter dazu Gelegenheit geben würden. Sie willigten ein. Im August 1970 fuhr Elisabeth zum ersten Mal nach Stadecken. Für eine Woche.

Eigentlich.

„Ich bin bis heute geblieben“, sagt sie lächelnd, denn bei ihrem beruflichen Ausflug nach Rheinhessen fanden sich Elisabeth und Udo, der damalige Junior des Weingutes.

Gemeinsam schaffte das junge Paar in den Weinbergen. Parallel legten die beiden im Süden Hessens ihre Meisterprüfungen ab; sie in ländlicher Hauswirtschaft, er als Winzer.

„Bei der Pflege der Rebstöcke hatten die Frauen meistens die Aufgabe, das Holz aus dem Berg zu ziehen, weil das Schneiden viel Kraft in den Händen erforderte“, schildert Udo Eppelmann.

Elisabeth konnte aber bei dieser Arbeit mithalten, „auch wenn ich die Schere manchmal mit beiden Händen zusammendrücken musste“, erzählt sie.

Ende der 1970er-Jahre kamen mit Pressluft betriebene Scheren auf; inzwischen liefern Elektro-Akkus die Energie fürs Werkzeug. Wenn das Ehepaar, je nach Tageslicht, acht bis zehn Stunden gemeinsam im Berg arbeitet, „schaffen wir 1000 Rebstöcke pro Tag“, berichtet Udo Eppelmann.

Ein Arbeitstag kann von 3 Uhr bis 1 Uhr dauern

Die Arbeit in und mit der Natur einerseits, andererseits der unmittelbare Kontakt zu Kunden, zu vielen unterschiedlichen Menschen: „Deshalb macht uns unser Beruf so viel Spaß, auch wenn man auf Verkaufstour schon mal von morgens 3 Uhr bis um 1 Uhr nachts auf den Beinen ist“, erzählt die gebürtige Wellenerin.

In den 1980er-Jahren begann Udo, mit seinem Vater auf Vermarktungstour zu fahren, während seine Mutter zu Hause mit Elisabeth die Stellung hielt. Am Ende des Jahrzehnts, nach dem Tod von Lieselotte, stieg Timo Eppelmann, 1973 geboren, kurz nach seiner Prüfung zum Jungwinzer ins Unternehmen ein. Gemeinsam mit seinem Großvater übernahm er die frühere Rolle seiner Eltern zu Hause in den Weinkellern.Udo und Elisabeth pflegten den direkten Kundenkontakt auf ihren Fahrten und vertrieben die Produkte.

Wie sie es heute tun, während Timo und seine Frau Simone das Weingut und die Direktvermarktung am Ort weiter entwickeln. Großvater Walter begleitet das mit großer Freude und beobachtet, wie seine Urenkel Christian und Corinna ebenfalls in den Betrieb hineinwachsen.

Vier Generationen, ein Gut

Vier Generationen unter einem Dach, das Weingut dabei beständig im Wandel: Am Beginn stand ein für Rheinhessen typischer gemischter Betrieb aus Landwirtschaft, Obst- und Weinbau.

Daraus wurde ein spezialisiertes mittelständisches Unternehmen, das mittlerweile zu den renommiertesten seiner Branche im Anbaugebiet Rheinhessen zählt und reihenweise Auszeichnungen für seine Weine erhält oder, wie jüngst in den USA, für eine neue Marketing­idee (siehe „Hintergrund“-Kasten rechts).

Die alten Prinzipien eines Familienbetriebes gelten und funktionieren bei den Eppelmanns, übertragen auf moderne Verhältnisse. „Früher lebten wir mit meinen Schwiegereltern und den Großeltern meines Mannes in einer Wohnung“, erinnert sich Elisabeth Eppelmann.

Die Privatsphäre beschränkte sich aufs Schlafzimmer, „und mein Vater war dagegen, als wir beim Ausbau 1978 eine eigene Küche planten“, fügt Udo Eppelmann mit einem Lachen hinzu.

Die Zeiten sind vorbei. „Wir haben uns durchgesetzt mit der eigenen Küche“, sagt Elisabeth schmunzelnd. Heute essen zwar alle mal gerne zusammen, aber jede Generation hat ihr Privatreich unter dem einen Dach.

17-mal im Jahr im Weinberg

„17-mal im Jahr geht der Winzer in den Weinberg“, zitiert Udo Eppelmann eine alte Weisheit seines Handwerks. Bis heute ist viel Handarbeit im Spiel, besonders, wenn ein Gut auf Qualitätsweine setzt. Maximal 10?000 Liter pro Hektar und Jahr darf aus den Reben pressen, wer diese Prädikate führen möchte.

„Bei vielen Sorten erzeugen wir eine weit geringere Menge pro Hektar, gerade bei roten Trauben“, erläutert Udo Eppelmann. Verzicht auf Menge hebt die Qualität. Schlechtere Trauben werden vor der Lese aussortiert und entnommen, damit die verbliebenen sich umso besser entwickeln können. „Die Güte eines Weines entscheidet sich mit der Arbeit im Berg. Im Keller kann man nicht mehr viel falsch machen“, meint Udo Eppelmann.

Um Erfolg zu haben, braucht ein Winzer ein gutes Gespür für die Entwicklung des Geschmacks im Markt. Eine Rebsorte neu im Weinberg zu etablieren, kostet 40 000 Euro pro Hektar. Eine Entscheidung, die in der Regel 20 Jahre Bestand hat. Auch deshalb stellt der Einstieg ins Massengeschäft für die Eppelmanns keine Alternative dar. Im Ringen um Supermarktregale müssen kleine Anbieter gegen industriell produzierende Konkurrenten antreten. Gleichwohl stellt auch die moderne Direktvermarktung besondere Anforderungen. „Es reicht nicht mehr, einen Korb mit Flaschen auf den Tisch zu stellen und den Wein zum Probieren anzubieten“, erklärt Udo Eppelmann. Heute verkaufen die Direktvermarkter das „Erlebnis Wein“. Timo und Simone Eppelmann haben deshalb vor wenigen Jahren die „PanoramaVinothek“ und die „Turmterrasse“ als neue Markenzeichen des Weinguts entwickelt und verwirklicht. Seit den 1980er-Jahren veranstaltet das Gut Weinfeste, deren Programm sich ausweitet. 1500 Besucher kamen im vorigen Jahr. Die Augen der Kunden trinken mit in einem Ambiente, mit dem sich das Gut von der Konkurrenz absetzen will. Jüngster Coup der Familie im Marketing ist eine multimediale Weinwanderung entlang der „Selztal-Terroir-Route“. An jedem Weinberg des Gutes findet der Besucher einen QR-Code zum Ablesen per Smartphone. Winzermeister Timo Eppelmann erklärt in Filmsequenzen den Wanderern, was die jeweilige Lage, den Boden und die auf ihm kultivierte Rebsorte ausmacht.

Eine Präsentation dauert 3 bis 5 Minuten. Für dieses Konzept erhielten die Eppelmanns in den USA Ende 2013 den „Oscar des Weintourismus“, den „Great Wine Capitals – Best of Winetourism“. Vorausgegangen war der Sieg auf nationaler Ebene, mit dem sich das Gut für die internationale Ausscheidung qualifizierte. Viele Auszeichnungen für die Weine, darunter 22 Goldmedaillen der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz und der Staatsehrenpreis, machten das Jahr 2013 zum bislang erfolgreichsten in der Geschichte des Familienunternehmens. Zumal die Eppelmanns als Sahnehäubchen den Mainzer Wirtschaftspreis für das beste Nachfolgekonzept erhielten.(su)

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