Edersee

Waschbären plündern Kormorane aus

- Edersee (su). Zuwanderer sind sie beide: der Waschbär wurde als Jagdwild in den 1930er-Jahren am Edersee ausgesetzt und vermehrt sich prächtig. Der Kormoran ist in dieser Region seit dem Bau der Talsperre Schritt für Schritt heimisch geworden.

Seinen Augen traute Bastian Meise (Mehlen) nicht, als er Ende April sein Fernrohr auf den seit Jahren besetzten Schlafplatz der Kormorane im Naturschutzgebiet „Stausee von Affoldern“ richtete. In zwei großen, über die Wasserfläche hängenden Buchen entdeckte er zahlreiche Nester des Vogels des Jahres 2010, in denen die Vögel brüteten. Durch sein Hochleistungsfernrohr (Spektiv) mit 60-facher Vergrößerung konnte er mit der Digitalkamera die Kormoran-Kolonie komplett fotografieren. Am Computer setzte er seine Dokumentation fort, bearbeitete die Bilder und nummerierte sie durch. So ermittelte er sage und schreibe 49 besetzte Kormorannester. In den letzten Jahren hatten heimische Ornithologen immer mal wieder vereinzelte Brutversuche von Kormoranen festgestellt, aber diese hatten kaum Bruterfolg. Zwar beobachteten sie auch mal Junge im Nest, konnten aber keinen Nachweis führen, dass die Vögel flügge geworden sind. Möglicherweise – so vermuteten sie – hatte ein in der Nähe brütendes Uhu-Pärchen erfolgreiche Bruten verhindert. Denn von der großen südhessischen Rheininsel Kühkopf war bekannt, dass Uhus zu den natürlichen Feinden der Kormorane zählen und deren dortige Brutkolonie deutlich dezimierten. Anfang Mai berichtete Bastian Meise vom Affolderner Stausee aus per Handy dem Edertaler NABU-Vorsitzenden Wolfgang Lübcke allerdings von einer weiteren Sensation: „Von den zuvor 49 Kormorannestern sind nur noch 17 besetzt. In einem der verlassenen Nester ruhen zwei Waschbären.“ Die 1934 am Edersee ausgesetzten Neubürger hatten offensichtlich systematisch die Nester ausgeraubt. Vom Zeitablauf befanden sich vermutlich schon junge Kormorane in den Nestern. Ein Altvogel versuchte mehrfach, die Waschbären zu vertreiben, allerdings vergeblich. Lübcke erklärt dazu: „Im Gegensatz zu Störchen und Reihern, die spitze Schnäbel haben, sind Kormorane trotz ihrer Körpergröße kaum wehrhaft.“ Mitte Mai zeigte sich, dass die Waschbären die einmal entdeckte günstige Nahrungsquelle auch weiterhin genutzt hatten. Bastian Meise und Wolfgang Lübcke fanden nur noch fünf Gelege. Eine Rabenkrähe suchte die verlassenen Nester systematisch ab. Wahrscheinlich fand sie dort noch Beutereste der Waschbären. Lübcke machte einen Ortstermin mit dem Angler Karl Dietz (Affoldern). Die beiden zählen gemeinsam seit zwölf Jahren regelmäßig die am Stausee von Affoldern nächtigenden Kormorane. Bei einer weiteren Kontrolle konnten sie die erneute Meldung von Bastian Meise bestätigen: Die Waschbären hatten ganze Arbeit geleistet und die Brutkolonie der Kormorane vollständig aufgerieben. In der neuen Ausgabe der NABU-Zeitschrift „Naturschutz heute“ berichtet Prof. Dr. Hans-Heiner Bergmann (Mengeringhausen), dass Kormorane – entgegen Aussagen in der Fachliteratur – eine Reihe natürlicher Feinde haben. Gerade größere Brutkolonien werden wohl zunehmend von verschiedenen Beutegreifern als Nahrungsquelle entdeckt. Dazu gehört außer Uhu und Waschbär auch der Seeadler. Ein ausgewachsener Seeadler hat 2009/10 erstmals im Ederseegebiet überwintert. „Wir sind aber gespannt, wie sich gerade zwischen Waschbär und Kormoran ein Gleichgewicht einpendelt“, meint Lübcke. Zumindest aus Sicht der Angelfischer dürften die sonst eher unter einem negativen Image leidenden Waschbären an Reputation gewinnen. Thomas Wagener, Tierpfleger im Wildtierpark Edersee, nimmt die zwangseingewanderten Kleinbären ohnehin in Schutz, wenn ein Besucher sich mal wieder über sie ereifert. „Die Menschen nehmen den Tieren übel, dass sie in Abfällen nach Essensresten suchen, aber was machen wir denn im Vergleich dazu? Wir gehen auch in den 
Laden oder zum Imbiss und holen uns Essen, statt alles selbst herzustellen“, meint er. Der Waschbär verhalte sich nicht anders.

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