Bad Wildungen

Wildhase per Post besänftigte Mama

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- Bad Wildungen (su). Die Holzfachschule; ein modernes Bildungsinstitut, eine Maklerin des Fachwissens mit einer langen Tradition – und dem Ruf eines düsteren Sündenpfuhls, eines Bermuda-Dreiecks für weibliche Keuschheit! Zumindest im sittenstrengen 1959. „Als ich das Foto in der Zeitung sah, hat´s bei mir wahnsinnig geklingelt“, sagt Hannelore Schmitz.

Das Foto, mit dem die WLZ-FZ vor einer Woche über ein Wiedersehenstreffen von Förstern berichtete, die vor 50 Jahren einen Kursus an der (damals noch) Sägewerkerschule besuchten. „Für die Förster war das zu jener Zeit quasi eine Pflichtveranstaltung“, erklärt Hannelore Schmitz. Vier bis sechs Wochen dauerte die Unterrichtseinheit, dann waren die Männer in Grün wieder verschwunden. Und müssen dabei manches gebrochene Herz oder gar Folgenschwereres hinterlassen haben.

Wie anders ist die Reaktion der Mutter von Hannelore Schmitz (geborene Graul) zu verstehen, die ihre damals 18-jährige Tochter stets eindringlich mahnte? „Halt dich von den Förstern fern!“ Die junge Hannelore wohnte mit ihrer verwitweten Mama und ihrem Bruder, dem heutigen Stadtrat Jürgen Graul, in der Altwildunger Kirschgartenstraße, in unmittelbarer Nachbarschaft der „fremmeden“
Wüstlinge. Der Backfisch, der Hannelore Schmitz damals war, schien eigentlich außer Gefahr, „denn ich hatte ja einen Freund. Er wohnte außerhalb und bei jedem Besuch brachte er meiner Mutter einen Blumenstrauß mit.“

Das ist mal ein Zeichen von Anstand, mit dem der junge Mann einen ansehnlichen Stein bei Frau Graul im Brett verankerte. In die Männerwelt der Sägewerker­schule verschlug es Damen als Auszubildende sehr selten. Die Tochter eines Sägewerksbesitzers aus dem Kasseler Raum bildete in dem Jahr eine der wenigen Ausnahmen. „In der Schule wohnen durften Mädchen aber nicht, sondern nur die jungen Männer“, erzählt Hannelore Schmitz. Weil die Familie Graul mit der Familie des Schulleiters befreundet war, fragte dieser an, ob die Grauls die junge Dame aufnehmen könnten.

Das habe die Mutter gerne getan, sagt Hannelore Schmitz. Die junge Altwildungerin freundete sich rasch mit der gleichaltrigen Untermieterin an. „Tja“, sagt sie mit einem Schmunzeln, „und eines Tages kam sie mit zwei Förstern im Schlepp zu uns. So habe ich meinen Mann kennengelernt.“ Doch erst mal hoooh und halt mit den jungen Gäulen – bis zum Eheversprechen hatten die zwei noch ein gutes Stück durchaus steinigen Weges zu gehen. „Sie können sich die Reaktion meiner Mutter vorstellen“, erinnert sich die 70-Jährige, während ihr ein wenig der Schalk aus den Augen zu blinken scheint.

Die Mama prophezeite, „den siehst du nie wieder“, aber sie irrte. „Er kam wieder und wieder, auch als der Kursus längst beendet war.“ Der junge Förster weilte inzwischen zur Ausbildung in einem Marsberger Forsthaus. Trotz der Entfernung wollten die Verliebten einander natürlich sehen. Hannelore Schmitz erinnert sich an eine solche Gelegenheit. Mit dem Zug fuhr die junge Altwildungerin ihrem Auserwählten entgegen, dessen Freunde sie per Motorrad vom Bahnhof abholten.

Im Gepäck trug sie die strikte Ansage der Mutter bei sich, „vor Anbruch der Dunkelheit bist du wieder zu Hause“. Der Empfang im Marsberger Forst fiel seitens des Hausherren kühl aus, denn dieser hatte seinen Lehrling zuvor eindringlich zu dem Mädchen befragt: „Willst du es heiraten?“ Der junge Mann antwortete wahrheitsgemäß, dass er das noch nicht wisse, worauf ihn der alte Förster anherrschte: „Dann kommt sie mir nichts ins Haus!“

Die solchermaßen der Tür Verwiesene hatte Glück und die Frau des Försters Erbarmen mit dem von weither angereisten Gast. „Sie rief mich ohne Wissen ihres Mannes durch den Stall ins Haus und bot mir ein Butterbrot an, weil ich doch Hunger haben müsse“, erinnert sich Hannelore Schmitz.

„Mein künftiger Mann überlegte, wie er meine Mutter gewinnen könnte.“ Die Mama war Delikatessen zugetan. Diese kleine Schwachstelle visierte der junge Förster zielbewusst an. „Damals war es erlaubt, Wild in der Decke mit einem Zettel um den Hals per Post zu verschicken.“ Also schoss der angehende Bräutigam einen Wildhasen und sandte ihn der angehenden Schwiegermutter nach Altwildungen. Hannelore Schmitz hat die Szene vor ihrem inneren Auge, als habe die Post gestern an der Tür geschellt: „Meine Mutter öffnete das Paket und strahlte über das ganze Gesicht. Von da an war er der beste Schwiegersohn, den man sich vorstellen konnte.“

Mehr lesen Sie in der WLZ vom Samstag, 28. Mai.

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