Dickes Lob fürs Wegenetz vom ADFC

Bad Wildungen ist Vorzeige-Rad-Stadt

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Bad Wildungen - „Warum nach Holland oder Belgien fahren, um sich über gute Radwegenetze zu informieren? Es reicht, nach Bad Wildungen zu kommen."

Claudia Grumann vom hessischen Wirtschafts- und Verkehrsministerium spendete der Kurstadt ein dickes Lob und stand damit nicht allein bei einer Tagung des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs im Wildunger Jugendhaus. Der Kreisverband Schwalm-Eder/Hersfeld Rothenburg des ADFC hatte dazu eingeladen – weil sich die Lage in den Nachbarkreisen in Sachen Radwege beinah durchweg trostlos darstellt. Wer baut, schafft Nachfrage Robert Hilligus und Angelika Seifert vom Wildunger Bauamt stellten das Radwegesystem in Bad Wildungen vor und ernteten von den versammelten Radfahrern bewundernde Blicke und Beifall. Vor allem für diesen Satz von Hilligus: „Ich muss die Radwege bauen. Dann werden sie auch genutzt.“ Die Wildunger Politik sei diesem Ansatz in den zurückliegenden Jahren gefolgt und habe in Radwege investiert. „Wir haben nicht gezählt, aber subjektiv haben wir den Eindruck, dass deutlich mehr Radfahrer in der Stadt unterwegs sind“, fügte Hilligus hinzu. Häufig läuft es in Debatten um neue Radwege aber anders herum: Radfahrer werden gezählt und weil es auf dem Land zu wenige sind, werden neue Wege wegen vermeintlich zu geringer Nachfrage abgelehnt. „Aber wer fährt schon an einer belebten, von Autos dominierten Straße Rad?“, lautete ein Kommentar aus der Runde zu diesem Thema. Einen Schub für das Radwegenetz in Bad Wildungen brachte die Landesgartenschau. Der Hauptweg über das Gelände wurde damals aus Mitteln des GVFG (Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz) mitfinanziert und das war nur möglich, weil er als kombinierter Rad- und Fußweg angelegt war. Er stellt zugleich eine attraktive Möglichkeit für Radler dar, rasch und abseits vom Autoverkehr Ziele entlang der Achse Brunnenstraße/Allee zu erreichen. Dem Fahrrad als idealem Verkehrsmittel für innerstädtische Strecken bis zu fünf Kilometer steht in Bad Wildungen zwar das Geländeprofil mit seinen vielen Steigungen entgegen, aber das Aufkommen der Elektroräder lässt diesen Nachteil mehr und mehr in den Hintergrund treten. Die so genannten Pedelecs beschäftigten die ADFC-Runde während der Tagung. „Zumeist Ältere nutzen diese Räder, zumeist Wiedereinsteiger, die lange nicht mehr Rad gefahren sind. Deshalb wäre es gut, die Standardbreiten der Radwege zu vergrößern, damit die Leute sicherer unterwegs sind“, meinte ein Teilnehmer. Er erntete Widerspruch. „Wenn die Standards und damit die Kosten steigen, haben viele Kommunen aus Geldmangel überhaupt keine Möglichkeit mehr, Radwege zu bauen“, wurde ihm entgegen gehalten. An den Wildunger Wegen inklusive der Wegweiser hatten die Tagungsteilnehmer fast nichts auszusetzen. „An der einen oder anderen Stelle müssen Poller noch besser gekennzeichnet werden und es wäre schön, wenn wir die Fußgängerzone für den Radverkehr frei geben könnten“, räumte Angelika Seifert ein. Das würde bestimmte Wege für die Radler nochmals verkürzen und den Drahtesel als Alternative zum Auto attraktiver machen. Vorbehalte gebe es bei den Verkehrsbehörden in dieser Frage, aus Sorge, die Radfahrer könnten Fußgänger gefährden, wenn sie zu schnell in die Pedale treten. Die ADFC-Mitglieder erkundigten sich überdies, inwieweit Pendler das Rad nutzen, um zum Beispiel zum Dienst in der Klinik zu gelangen. Eher selten, erläuterte Klaus Stützle, Grünen-Stadtverordneter und Wicker-Mitarbeiter. An der WWK Reinhardshausen seien es vielleicht gut 20 Radler. „Ich selbst fahre mit dem Auto von Reitzenhagen nach Reinhardshausen“, gestand er „zu meiner Schande“ ein. Die meisten Pendler stammten aber ohnehin aus dem weiteren Umfeld, „und trotz Bahnradweges kann man einer Krankenschwester nicht zumuten, mit dem Rad von Korbach hierher zu strampeln.“ Stützle verwies darauf, dass die gut ausgebauten Radwege in der Kurstadt in anderer Hinsicht einen zusätzlichen positiven Effekt haben: „Auf ihnen sind auch Rolli- und Rollatorfahrer gut unterwegs.“Von solchen Bedingungen könnten Radler in den benachbarten Kreisen Schwalm-Eder und Hersfeld-Rothenburg nur träumen, zogen die Gäste als Fazit. Einer der wenigen Lichtblicke aus ihrer Sicht: der neue Bahnradweg zwischen Ziegenhain und Treysa, den viele Radler mittlerweile als Schnellstrecke zwischen den beiden Orten gut annähmen.

Von Matthias Schuldt

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