Thomas Merle, Dritter im Bunde der Edertaler Bürgermeisterkandidaten, Berufssoldat aus Anraff

„Wollte nie Schreibtischhengst werden“

Edertal-Anraff - „Friedrich der Große hat mal gesagt: Einer Frau kann nichts Besseres passieren, als einen Soldaten zu heiraten. Er hat gelernt zu flicken, zu kochen, zu putzen – und zu gehorchen.“ Thomas Merle begleitet das Zitat mit einem Grinsen.

Zum Frühstück beim dritten Edertaler Bürgermeisterkandidaten. Er ist auf dem Sprung, wieder einmal. Zu seinem Standort in Mainz, wo er eine 30 Quadratmeter kleine Zweitwohnung hat. Demnächst muss er umziehen auf einen neuen Posten, in eine neue Stadt: Mönchengladbach.

Laufende Angelegenheiten, das Vorbereiten auf die neue Funktion, Umzug, Wahlkampf in Edertal. Derzeit muss der 46-Jährige vieles zur gleichen Zeit unter einen Helm bringen. Seit Jahren lebt er als Hauptmann, leitender Fahrlehrer und -prüfer aus der Bundeswehrtasche, sieht zumeist nur an Wochenenden, Feiertagen und im Urlaub die Familie. Ehefrau Claudia, die zwei Töchter Annika (20) und Stefanie (17) kennen also auch die Schattenseiten des Zusammen- und Getrenntlebens mit einem Berufssoldaten. „Meine Frau sagt immer: Du hast es gut und kannst dich in Hotels an den gedeckten Frühstückstisch setzen. Aber mir ist es zu Hause viel lieber, mit selbst gemachter Marmelade“, erzählt der parteilose Kandidat.

Angeheuert hat Thomas Merle in einer Zeit, „als ich sicher war, dass wir nie in den Kampf ziehen würden. Das Gleichgewicht der Kräfte im Kalten Krieg hat das verhindert“, erinnert er sich. 1989, als die Mauer fiel, sei ihm wie den meisten Soldaten beinah sofort bewusst gewesen, dass sich das nun ändern werde. „Wir haben es akzeptiert. Es gehört zum Beruf dazu.“

Afghanistan, Kosovo – zweimal hat Thomas Merle eine Anfrage erhalten. „Beim ersten Mal war es ein Schock für meine Familie“, sagt er. Doch in der Runde hätten sie darüber gesprochen. Als Berufssoldat kann nur der eine Anfrage ablehnen, der triftige Gründe gegen einen Auslandseinsatz vorbringe; „das war bei mir nicht der Fall.“ Abkommandiert wurde der Anraffer trotz der Anfragen nicht. Weshalb nicht, hat er nie erfahren, „und das ist in der Bundeswehr auch so üblich“, erklärt er. So blieb seinem Trio daheim die Sorge um sein Leben und seine Gesundheit erspart.

Unter entgegengesetzten Vorzeichen sah sich die Familie mit der existenziellsten aller Fragen konfrontiert. Eines Morgens, im April 2010, gegen 5.10 Uhr klingelte in Mainz das Telefon bei Thomas Merle. Am anderen Ende die ältere Tochter: „Papa, wir haben ein Problem. Unser Haus brennt gerade.“ Ein technischer Defekt auf dem Dachboden. Damals habe er einmal mehr erfahren, was es bedeute, in einem Dorf zu leben, sagt Merle. Er habe sich gezwungen, ruhig die Autofahrt nach Hause anzutreten: „Ich wusste, alle waren heil aus dem Hause, und ändern konnte ich ja nichts.“

Die Feuerwehren hätten Schlimmeres verhindert. Und jede Menge helfende Hände seien sofort zur Stelle gewesen. Handwerker hätten nicht auf die Uhr geschaut. „Auch Menschen, die ich nur vom Sehen oder Grüßen kannte, boten ihre Hilfe an“, berichtet der zweifache Vater. Binnen weniger Wochen habe die Familie ihr gewohntes Leben wieder aufnehmen können – mit dem Unterschied, dass heute eine vernetzte Brandmeldeanlage die Nachtruhe der Familie bewacht. „Hätte meine Frau in ihrem leichten Schlaf das Knistern auf dem Dachboden nicht gehört, hätte viel mehr passieren können“, sagt Merle erleichtert.

Unruhig fährt er trotzdem heute nicht auf Dienstreisen: „Jedes Jahr bin ich 60 000 bis 70 000 Kilometer unterwegs. Auf der Straße kann so viel passieren.“ Solchen Sorgen und Gedanken kann und will Thomas Merle sich nicht ständig hingeben. Er hat eine positive Einstellung zum Leben, „das zu kurz ist für ein langes Gesicht oder schlechte Laune“. Deshalb hadert er auch nicht mit der Tatsache, dass zuerst der Beruf und später ein doppelter Abriss des linken Oberschenkelmuskels ihm sein liebstes Sporthobby genommen haben: den Fußball. Aktiver und Damenteam-Trainer war er im Anraffer Sportverein.

Heute hat er sich, abgesehen vom Skifahren, auf schonendere Disziplinen verlegt, wie Wandern, Nordic Walking oder Schwimmen. Bürgermeister möchte er gerne werden, „am besten für 18 Jahre.“ Mehr Freizeit ließe ihm dieser Posten nicht, „aber abends wäre ich zu Hause“. Weit wichtiger für ihn: Er müsste kein Schreibtischhengst werden. Das steht ihm in seiner neuen Funktion als oberster Fahrlehrer und -prüfer der Bundeswehr bevor. Seine geplante, neue Aufgabe: Zentraler Vorschriftenbearbeiter. Er hat neue zivile Führerscheinvorschriften in Militärvorschriften zu übertragen. Dabei wurde er einst Soldat, um dem Büro-Dasein zu entfliehen, das er von seinem Vater kannte. Sein alter Herr arbeitete in der Lohnbuchhaltung von Mauser Waldeck.

Den Sohn für die Bundeswehr begeistert hatte ein anderer Anraffer Berufssoldat: Walter Lübcke, der eine Zeit lang bei den Eltern Merle zur Miete wohnte. Eben der Walter Lübcke, der heute als Regierungspräsident in Kassel residiert. Thomas Merle reicht der Chefsessel im Edertaler Rathaus. Dort würde er gerne bis zum vollen Rentenalter von 64 Jahren gestalten und mit Menschen arbeiten, statt mit 55 aus der Bundeswehrverwaltung in den Ruhestand zu treten.

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