Hunderte in der Kilianskirche begeistert von Camille Saint-Saëns klangvoller Festtagsmusik

Das andere Weihnachtsoratorium

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Solisten Eike Tiedemann (Alt), Nathalie Martin (Mezzosopran), Vera Filipponi (Sopran), Thomas Schwill (Tenor) und Georg Lungwitz (Bass).

Korbach - Die große Kilianskirche randvoll mit Menschen: dieses sonst dem Heiligen Abend vorbehaltene Erlebnis gab es diesmal schon zwei Wochen vor dem Fest.

Es ging am Sonntagabend bereits darum, ins Wunder der Weihnacht einzutauchen. Stadtkantor Eberhard Jung hatte zu einem Konzert geladen, in dessen Zentrum das 1858 entstandene „Weihnachtsoratorium“ von Camille Saint-Saëns stand, die zurückhaltendere, konzentrierte Alternative zum Bachschen Standardwerk.

Da die vielen Akteure im Seitenschiff rund um die Orgel agierten, hatte man sich entschieden, das Geschehen auf eine Großleinwand über dem Altar zu übertragen. Eine gute Entscheidung, zumal die Kameras Abwechslung durch Perspektivenwechsel in geschickter Überblendung boten und neben der Totale auch Nahaufnahmen von Sängern und Instrumentalisten lieferten.

Das Konzert begann mit der Vertonung eines der schönsten Texte des Neuen Testaments: Das Magnifikat aus dem Lukasevangelium schildert Marias Freude über ihre große Aufgabe und sieht in der bevorstehenden Geburt Jesu die Hoffnung auf die Überwindung von Unrecht und Hunger. Die Vertonung Vivaldis ist ganz dicht am Text orientiert und endet mit einem beeindruckenden „Gloria“. Hier zeigten der Chor, aber auch das Hannoveraner „Orchester im Treppenhaus“ schon Klangfülle und Klasse.

Nach dem adventlichen Anfang zauberte Konstanze Kuß mit ihrer Konzertharfe Weihnachtsfreude in die Herzen. Händels Harfenkonzert B-Dur mit seinem Wechselspiel von Solistin und Streichern gelang vorzüglich: mitreißend und voller Schwung im ersten und dritten Satz, zart und besinnlich im Mittelteil. Da wusste man, warum die Harfe als Engelsinstrument gilt!

Dann endlich ließ Daniel Gardonyi von der neuen Kuhn-Orgel die magischen Eingangstöne des „Weihnachtsoratoriums“ erschallen: ein unendlich friedvoller Klang, zu dem sich behutsam die Streicher gesellten. Saint-Saëns verzichtet aufs Jauchzen und Frohlocken, er begeht das Fest der Feste nicht mit Pauken und Trompeten, sondern in nachdenklich-inniger Freude. Nach dem dezenten Intro lässt er die fünf Solisten aller Stimmlagen sich zunächst gegenseitig die Weihnachtsgeschichte erzählen, was sehr persönlich wirkt. Dabei beeindruckten vor allem Vera Filipponi (Sopran) und Thomas Schwill (Tenor) mit Stimme und Herz. Der Chor wird folgerichtig erst mit dem Auftritt der himmlischen Heerscharen hinzugezogen, auch später bekommt er nur punktuelle, dafür aber umso wirkungsvollere Auftritte. Danke an die großartig singende Kantorei! Höchst beeindruckend wirkte das zarte Duett „Benedictus“ mit seiner ergreifenden Melodie, das vom Chor-Fortissimo durch eine Klage über den Unfrieden der Völker kontrastiert wurde.

In der groß angelegten Schluss-Sequenz, die eine Steigerung über vier Sätze beinhaltet, zeigt der Komponist schließlich die gemeinschaftsstiftende Kraft der Religion: Bei jedem Satz tritt ein weiterer Sänger hinzu, dem Fünfklang folgt dann schließlich das herrliche Finale „Tollite hostias“ mit vollem Chor. Dieser kurze, begeisternde Schluss-Chor gelang dem großen Ensemble so gut, dass das begeisterte Publikum mit nicht enden wollendem Applaus eine Wiederholung erzwang.

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